Zweite Liga und nu?

Tja, es ist so weit, wir sind abgestiegen. Wie geht es mir nun? Irgendwie komisch. Es ist eine ganz seltsame Situation.

Als Wolfsburg das 3:1 geschossen hatte, da wusste ich, es ist vorbei.
Auch die Fans im Stadion wussten es. Sie haben dann etwas ganz Besonderes gemacht, sie haben „Mein Hamburg lieb ich sehr“ angestimmt. Das ganze Stadion hat gesungen … und ich hab vor dem Fernseher mit Gänsehaut auf den Armen gesessen und Rotz und Wasser geheult.
Das war der Moment, in dem es raus musste.

Ansonsten habe ich den Abstieg bisher gut verkraftet, denn auch wenn ich immer noch optimistisch war, mit jedem Punktverlust von uns, mit jedem Punktgewinn unserer Konkurrenten, wuchs die Wahrscheinlichkeit, daß es uns in diesem Jahr trifft.

Den emotionalen Tiefpunkt haben wir aber eigentlich schon viel früher erlebt.
Das Spiel gegen Mainz und die Klatsche gegen Bayern, die letzten beiden Spiele unter Bernd Hollerbach, das war für mich der Tiefpunkt.

Bernd Hoffmann hat anscheinend ähnlich empfunden und gehandelt. Und dadurch hat er den Weg für Christian Titz frei gemacht.
Und mit Titz kam der Aufschwung.

Die Spielweise von Titz war überraschend. Wir haben Fußball gespielt, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
Dabei ist uns Fans das Herz aufgegangen und wir haben erst dadurch gemerkt, wie sehr uns das gefehlt hat.
Und dieser Fußball hat auch den Nerv von vielen anderen Fans getroffen.
Wenn sie bislang sagten „erlöst uns doch endlich mal von diesem HSV“ waren ihre Worte mehr und mehr „schade, daß dieser HSV jetzt die Liga verlassen muß“.

Der HSV geht erhobenen Hauptes

Als alles mehr und mehr auf das Ende zulief, wurde der Schulterschluß zwischen Mannschaft und Fans immer enger.
Andere wurden nervös, haben sich zerstritten… wir haben den Schulterschluß gesucht.
Haben die Mannschaft voll und ganz unterstützt.
Und auch vor und während des Spiels hat sich der gesamte HSV von seiner besten Seite gezeigt.
Bis auf ein paar Idioten.
Kinder, die sauer waren, weil wir nicht an die alten, an die erfolgreichen Zeiten anknüpfen konnten … die sie selbst aber nie erlebt haben.
Kinder, deren Empathie von der Tapete bis zur Wand reicht, die den magischen Moment mit ihren Pyroaktionen zerstört haben.
Es war, als würde man auf einer Beerdigung einen Böller in die Menschenmenge werfen … pietätlos.

Aber ich denke lieber an die anderen Fans, an den Moment vorher, als das Stadion mit seinem Gesang die Gladbacher verstummen ließ.
Als die Fußballer unten auf dem Feld sich den Ball nur noch alibimäßig zugeschoben haben, weil ihnen klar war, das ist ein ganz besonderer Moment.
Und ich denke an den Moment, wo sich das Stadion zum Applaus erhoben hat, um die Mannschaft zu feiern, die in den letzten Wochen alles versucht und uns viel Freude mit ihrem Fußball bereitet hat.

Der Verein macht im Moment vieles richtig.
Das Marketing trifft die Gefühle der Fans (was in Köln wohl nicht so geklappt haben soll).
Mit Titz wurde der Vertrag verlängert, es wurden viele Jugendspieler mit Profiverträgen ausgestattet (und das nicht nur pro forma, sondern damit sie Teil der Mannschaft werden). Es wurden junge Talente verpflichtet und man will alte erfahrene Spieler halten, aber nicht zu jedem Preis … es zeichnet sich ab, daß wir eine junge hungrige Mannschaft, gespickt mit einigen guten Führungsspielern bekommen werden.

Die Fans honorieren das. Seit Abpfiff sind über 3000 Mitglieder neu in den Verein eingetreten … Wahnsinn. Die Stimmung ist seltsamerweise so gut, wie schon lange nicht mehr. Wohl auch deshalb, weil wir noch gar nicht realisiert haben, was es wirklich heißt, 2.Liga.
Das fängt an mit den Anstoßzeiten, die nicht immer optimal sind. Es geht weiter mit der Berichterstattung, die in der zweiten Liga doch oft recht stiefmütterlich ist. Und an vielen Kleinigkeiten merkt man, wir sind nicht mehr erste Liga. Und das tut dann doch weh.

Und darum sollten wir uns hier gar nicht erst häuslich einrichten und allen von Anfang an klar machen, wir sind nur zu Besuch.
Und das meine ich nicht hochnäsig in Richtung der Gegner, sondern das meine ich als Kampfansage, oder sagen wir lieber Ansporn, an unsere Mannschaft und an alle Verantwortlichen.
Das hat auch nichts mit Demut oder Hochmut zu tun.
Wir sind nunmal mit Köln zusammen der Krösus und Favorit.
Das ist so.
Und da kann es dann auch nur eine Zielsetzung geben: sofortiger Wiederaufstieg. Daran führt kein Weg vorbei. Denn wenn wir wirklich den Umbruch wollen, dann muß dieser erstmal im Kopf stattfinden.
Allein mit Demut gewinnt man keine Spiele.
Also muß es heißen, daß wir in Zukunft versuchen müssen, mit allen Mitteln JEDES Spiel zu gewinnen.
Und wenn wir in der zweiten Runde des Pokals nach München zu den Bayern reisen müssen, dann will ich sehen, daß die Mannschaft alles tut, um das Spiel zu gewinnen.
Das muß unser Anspruch sein. Und haben wir diesen Anspruch nicht, dann wird es schwer, denn auch in der zweiten Liga spielt man Fußball.

Aber erstmal denken wir noch an die Zeilen, mit denen wir unseren Abstieg besiegelt haben und die ich in einem Jahr wieder singen möchte, wenn wir wieder aufgestiegen sind

Mein Hamburg lieb ich sehr
sind die Zeiten auch oft schwer,
weiß ich doch, hier gehör ich her!
Hier, wo ich geboren bin,
wo ich spielte schon als Kind,
in den Straßen die mein Zuhause sind!

(fb)

Ein Gedanke zu „Zweite Liga und nu?“

  1. Danke Fiete, so ähnlich habe ich letzte Woche Sonntag an meinen OFC geschrieben, genau so wie du fühle ich.
    Wir realisieren es wohl wirklicherer, wenn die neuen Spielpläne rauskommen. Und schon wieder kullern gerade die Tränen…

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