Wunder dauern etwas länger

Vorfreude. Zum 1. Mal seit langer Zeit mal wieder Vorfreude auf ein Spiel.
Und was für ein Gefühl war das, in der 26. Minute, als Kostic´s Pass von Santos sauber angenommen, zwischen Jarsteins Beinen hindurch geschossen, plötzlich im Netz zappelte!

Überhaupt. Die Statistik der 1. Halbzeit war ungewöhnlich. Fast 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe, eben so viel Ballbesitz und die Pässe durch das Mittelfeld gingen an den eigenen Mann.
Wow! Das sah nach Fußball aus, was Titz´s Mannschaft da auf den Rasen zauberte.
Ja, zauberte. Denn als gebeutelter HSV-Fan sah man eher erstaunt auf das, was die jüngste Startelf seit 1974 da spielte.
Ich gebe es zu. Ich hatte ein wenig Angst.
Nach dem Tor hatte ich Angst, dass man die Führung wieder abgeben, in alte Schemata zurückfallen würde.
Aber das, was ich bis zur 45. Minute sah, machte Mut.
Sie wollten. Und sie konnten auch!

Diese Mischung aus erfahren und unbekümmert, zu der sich Christian Titz entschlossen hatte, machte Spaß. Man sah, dass die ersten Trainingsanweisungen umgesetzt wurden. Dass lange Bälle nach vorne der Vergangenheit angehören sollten und dass sich Bewegung auch ohne Spielgerät lohnte.
Der Spielaufbau ging über Jung, van Drongelen und Pollersbeck die sich, zugegeben von den Berlinern ziemlich in Ruhe gelassen, aussuchen konnten, über welche Seite der Ball nach vorne gehen sollte.
Wobei insbesondere Ito ziemlich viel Wirbel auf der linken Seite machte.
Ein ums andere Mal sah es gar so aus, als würde man die Führung ausbauen können. Mit schönen Pässen kombinierte man sich immer wieder in Richtung gegnerischem 16er. Leider blieb das Glück Kostic, Hunt und auch Holtby verwehrt.
Auf der anderen Seite zeigte Pollersbeck zweimal eindeutig, warum er den Vorzug vor Mathenia erhalten hatte.
Ich hätte nichts dagegen gehabt, wäre das Spiel nach den ersten 45 Minuten grundsätzlich abgepfiffen worden.

Man konnte sich denken, was für eine Ansprache sich die Herthaner in der Kabine anhören mussten.
Paul Dardai würde, er KONNTE, mit der Spielweise seiner Jungs nicht zufrieden sein.
Und er wusste, was für Hamburg auf dem Spiel steht.
Er wusste, dass sie auf Biegen und Brechen dieses Ergebnis würden halten wollen.

Vielleicht hat auch Titz diesen Umstand in den Katakomben einmal zu viel betont… Jedenfalls kamen die Jungs wie verwandelt aus der Halbzeit.
Die Hertha drehte auf und im Gegenzug ließen sich die Rothosen in ihrer Hälfte einschnüren. Ein bisschen sah es jetzt aus, als habe der Hase plötzlich Angst vor dem Wolf und macht sich deshalb klein. Ich konnte sie fast körperlich spüren, diese Angst. Zu fragil wirkte die gesamte Mannschaft plötzlich.

Es funktionierte nicht mehr viel nach vorne. Man hatte plötzlich etwas zu verlieren. Weg war die Leichtigkeit, die Kugel durchs Mittelfeld zu bugsieren. Weg war aber auch der Platz, den man vorher zum Spielaufbau bekommen hatte.
Es kam was kommen musste. Plattenhardts Flanke in den Strafraum fällt direkt vor Lazaros Füße, der aus fünf Metern, völlig frei stehend, nur noch einschieben muss.
In der 57. Minute, also gerade mal sechs Minuten später, die Entscheidung. Maier kommt, vom Gegner kaum belästigt über die rechte Seite in den Strafraum und legt den Ball flach in die Mitte. Kalou kommt angerauscht und knallt den Ball unter die Latte.

Titz reagierte offensiv, brachte Wood für Holtby, Jatta für Ito und Waldschmidt für Arp. Zuviel für vorne, zu wenig für das Mittelfeld, in dem so gut wie nichts mehr zusammenlief. Zu ungenau die Zuspiele und zu schlecht die Standards.
Nach einem Freistoß für Hamburg, pfeift der Schiri in der 93. Minute ab. Für mich unerklärlich, da der Spielzug nicht unterbrochen war. Einige haben ein Foul im Strafraum gesehen. Ich nicht.
Sei´s drum, am Schiri hat es letztlich nicht gelegen, dass wir ohne Zählbares den Platz verlassen mussten.
Auch Christian Titz schaffte es nicht, den Vorsprung auf den Relegationsplatz, mit drei weiteren Punkten zu verkürzen.
In der 2. Halbzeit hat sich der HSV selbst geschlagen.
Naja, es waren wohl eher die Köpfe der Spieler, die zu sehr mitspielten.

Doch Hamburg wäre nicht Hamburg, wäre es auf den Nebenschauplätzen ruhig geblieben.
Da polterte ein Papadopoulus gegen seinen Platz auf der Bank und Dana Diekmeier sah sich gar bemüßigt, mit einem kindischen Post auf Instagram den Rausschmiss ihres Mannes aus dem Kader kommentieren zu müssen.
Frank Wettstein hatte es angekündigt, dass der Trainerstab, hinsichtlich Engagement und Einstellung einige Spieler hinterfragen würde. Und dass man hinter Titz´s Entscheidungen stehen würde, käme es zu Veränderungen im Kader.
Für mich hat sich gerade Papa disqualifiziert. Seien wir ehrlich. Auch er war in den letzten Spielen nicht wirklich fehlerfrei.
Hat er Probleme mit dem Trainer, dann sollte er das intern klären und keine Vorlagen für die Medien schießen, um noch mehr Unruhe in den Kader, in den Verein zu bringen.
Profis sollten Profi genug sein, Entscheidungen zu akzeptieren und sich auch mal selber hinterfragen. Wie wir alle es Tag für Tag tun müssen. Auch wenn wir nicht Papadopoulus oder Diekmeier heißen.

Die 1. Halbzeit hat dem Trainer mit all seinen Entscheidungen Recht gegeben. Wir haben eine junge, freche Mannschaft erlebt, die gewillt war, die im Training erhaltenen Anweisungen umzusetzen.
Gut, die meisten von uns haben ein Wunder erwartet. Doch wer ehrlich ist der weiß, dass fünf Trainingseinheiten die begrenzten Qualitäten der Mannschaft nicht würden grundsätzlich verändern können. Wunder dauern eben etwas länger.
Titz hat jetzt 14 Tage Zeit, an den Laufwegen zu arbeiten, seine Spielweise in die Köpfe der Jungs zu pflanzen und vor allem verlorenes Selbstbewusstsein wieder auszubuddeln.
Auch wenn all das nicht zum Verbleib in Liga 1 reichen sollte, so bleibt doch die Hoffnung, dass man mit einem frischen, lebendigen Kader, der guten Fußball spielen will, in Liga 2 startet.

Dass nach dem Spiel Hamburger auf Hamburger losgehen, dazu fehlen mir die Worte. Es ist die traurige Fortsetzung der unsäglichen Banner- und Kreuzaktion aus den letzten Wochen. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen rechtzeitig zur Vernunft gebracht werden. Damit man in Hamburg endlich wieder über Fußball und nicht über die Vollpfosten berichten muss, die dem Verein von innen heraus Schaden zufügen!
(mg)

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