Wenn man sich wünscht, dass vier Minuten des eigenen Lebens ganz schnell vergehen…

…dann spielt der HSV!

Das war nichts für schwache Nerven. Wie oft wurde das Pflänzchen Hoffnung auf einen Sieg, in den letzten Minuten wieder ersäuft?
So oft, dass ich wirklich bis zum Schlusspfiff nicht daran glauben konnte. In den vier Minuten ewig wirkender Nachspielzeit, in der Schalke noch mal richtig aufdrehte, hat bestimmt der ein oder andere in ein imaginäres Kissen gebissen.
Aber dank einer tollen Parade von Pollersbeck ist es wirklich passiert: Nach 132 Tagen ohne Sieg bringt der HSV drei überlebensnotwendige Punkte nach Hause.

Und WIE er sie nach Hause brachte!
Ich wiederhole mich gerne, denn, egal in welcher Liga wir uns in der nächsten Saison wiederfinden, was Christian Titz, innerhalb von vier Wochen aus dieser Mannschaft gemacht hat, ist unglaublich.
Der kleine Ito hat die wohl beste zweite Halbzeit seines Lebens gespielt.
Dass er überhaupt 90 Minuten durchhielt, spricht für eine super Trainingsleistung. „Wir haben Ito nicht in den Griff bekommen“, gab Schalke Trainer Tedesco, im Aktuellen Sportstudio zu.
Der japanische Wirbelwind spielte seinen direkten Gegner, Caliguri, ein ums andere mal schwindlig, war links wie rechts zu finden und lieferte den entscheidenden Pass, der in der 52. Minute zum 2:1, durch Holtby führte.
Skeptiker, die Ito in der Startelf zunächst bemängelt hatten, taten tatsächlich Abbitte, ob der gerade in den zweiten 45 Minuten gezeigten Leistung.

Hunt im Sturm? So mancher rieb sich verwundert die Augen. Ich, ich gebe es zu, bin eigentlich kein großer Freund des Ex-Bremers. So manches mal hat er das Spiel verlangsamt und eher durch Fehlpässe auf sich aufmerksam gemacht.
Aber als Sturmspitze macht er durchaus Sinn, um die Lücke zu füllen, die sich allzu oft im generischen 16er aufgetan hat.
Dass sein Hammertor dann aus 26 Metern im gegnerischen Netz zappelte ist umso schöner. Und ehrlich gesagt, ich gönne es ihm sogar. Denn er scheint einer derjenigen zu sein, der die von Titz geforderte Mentalität zeigt und sie auch auf den Platz bringt. Nebenbei: der Blick von Torwart Fährmann erinnerte mich ein wenig an das Relegationsspiel in Karlsruhe, nachdem Marcello Diaz seinen Freistoß ins Tor zauberte.
„Wenn wir Fußball spielen, dann kann ich das auch“, sagte Hunt in ein ZDF-Mikro. Das dürfte als Seitenhieb auf die ehemaligen Trainer und ihr defensives Spielsystem verstanden werden.

Apropos Fehlpässe.
Auch die Statistik des Spiels lässt sich durchaus sehen. Neben einem Ballbesitz von 59 Prozent und einer um sieben Kilometer höheren Laufleistung als die Schalker, glänzten die Hamburger mit einer Passquote von fast 80 Prozent. Das sind erneut 20 Prozent mehr, als unter Gisdol und Hollersbach.
18 zu 7 Torschüsse bekamen die Fans zu sehen. Das dürfte gefühlt die gesamte Ausbeute aus den sieben Spiele unter Hollerbach gewesen sein.
Schade, dass sich Lukas Waldschmidt oder auch Sakai bei ihren beiden 100prozentigen nicht belohnten. Und auch Holtby semmelte das Spielgerät nur Zentimeter am Netz vorbei.
Hach, es war einfach schön, dieser Mannschaft zuzugucken!
Zu sehen, wie der Ball durch das Mittelfeld gezaubert wurde und sich die Spieler in ihren Laufwegen immer wieder anboten.
Erneut arbeitete die gesamte Offensive gut nach hinten mit. Ärgerlich dabei, das nach einem Freistoß von Caliguri von Naldo verwandelte Kopfballtor. Weder van Drongelen, noch Pollersbeck schienen da gewarnt.
Dass „die Hand Gottes“ an dem Ball mit dran war, bestätigte anschließend nicht nur Sky-Schiri Markus Merk. Auch Naldo gab zu, dass wohl Kopf und Hand beteiligt waren. „Aber wenn der Schiedsrichter sagt, ist ein Tor, dann ist es auch eins“, meinte er lapidar.
Für mich unerklärlich, dass es aus Köln keinen Einspruch gab. Auch wenn einige meinen, das sei eben keine eindeutige Fehlentscheidung gewesen.
Was war das sonst?
Für mich ziehen sich die Fehlentscheidungen, zu Ungunsten des HSV, wie ein roter Faden durch die gesamte Saison.

Umso wichtiger war es, dass sich unsere Jungs eben nicht, wie schon so oft davor, nach dem frühen Führungstreffer aufgaben, sondern weiter anliefen und sich in der 17. Minute, durch Kostic´s kuriosen Kopfballtreffer mit dem Ausgleich belohnten. Auch nach Holtbys Tor zum 2:1, kreiste keine Angst vor dem Verlust der Führung durch die Mannschaft, so, wie es noch gegen Hertha zu sein schien.

Unterm Strich bleibt ein tolles Spiel, ein wichtiges Ergebnis, die Abgabe der „Roten Laterne“ an den FC Köln und „nur“ noch fünf Punkte bis zum Relegationsplatz.
Schade, wirklich schade, dass wir uns nicht allein auf uns verlassen können, sondern auch immer noch auf die Ergebnisse der Konkurrenz schauen müssen.

Euphorie? Ich bin weit entfernt davon. Aber ich traue Christian Titz durchaus zu, dass er die Jungs auf dem Boden hält und sich alle der Situation bewusst sind. Titz weiß, nur, wenn in jedem der noch ausstehenden fünf Spiele 110 Prozent auf den Platz gebracht werden, kann das kleine Pflänzchen Hoffnung weiter leben. „Heute feiern, morgen arbeiten“, sagte auch Bernhard Peters, der dem gesamten Trainerteam ein Lob und der Mannschaft eine neue Mentalität aussprach, nach dem Spiel.
Noch ist nicht viel gewonnen. Aber auch nichts verloren.

Und nächste Woche? Da geht es nach Hoffenheim. Das Hoffenheim, bei dem wir vor 132 Tagen den letzten Sieg feiern konnten. Sie werden es uns nicht einfach machen und versuchen, diese Scharte auszuwetzen. Fehlen werden den Jungs auch die Fans, die gestern als 12. Mann dicht hinter der Mannschaft standen. Und das ganz ohne Pyro…
(mg)

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