Von Fan sein und Freundschaften

Stell dir vor, du hast einen guten Freund. Einen, der im Laufe der Jahre noch mehr geworden ist. Nämlich ein richtig guter Freund.

Und dann bekommt diese Freundschaft erste Risse und du weißt eigentlich gar nicht mehr so genau, wann es anfing, wann etwas anders wurde.

Langsam überlegst du länger, was du noch sagen kannst oder willst. Du kannst nachts nicht schlafen, weil du grübelst, was falsch gelaufen ist.
Schritt für Schritt findest du dich damit ab, dass das Verhältnis ein anderes geworden ist.
Und du reagierst entsprechend.
Mit der Zeit merkst du, es tut auch gar nicht mehr so weh. Schließlich war es ein schleichender Prozess, an dem immer zwei beteiligt sind. Und bestimmt geht es dir besser, wenn dieser Druck endlich weg ist, etwas ändern zu wollen, was anscheinend nicht mehr zu ändern ist.

Warum ich das alles schreibe?

Weil man als Fan des HSV momentan in genau dieser Lage ist.
Es gab das große Zeichen des Aufbruchs. Gemeinsam haben wir uns in den Armen gelegen, als HSVplus auf den Weg gebracht war. Gegen große Widerstände haben wir zusammengehalten, zusammen gekämpft. Haben unseren Verein, den wir so lieben, auf den für uns richtigen Weg gebracht.
Nach den schlechten Zeiten sollten endlich wieder gute folgen.
Voller Enthusiasmus ging es in die ersten Spielzeiten. Didi Beiersdorfer war back und die meisten von uns feierten diese Verpflichtung.
Bis die ersten Ernüchterungen kamen.
Denn statt nach oben, ging es stetig nach unten. Verpflichtungen, die nicht anschlugen, teure Trainer und Sportdirektorenwechsel…also eigentlich alles wie immer. Wie vor HSVplus, wie vor Didi Beiersdorfer.
Die Relegationen, 2014 und 2015. Was war das für eine Atmosphäre in der ganzen Stadt. Man litt gemeinsam, man konnte nach Niederlagen nachts nicht schlafen, machte sich Gedanken, grübelte, wie es soweit kommen konnte und was passiert, wenn… am Ende feierte man den Klassenerhalt, als sei der HSV gerade Meister geworden.
2016 beendeten wir die Saison auf Platz 10. Der Fußball war nicht immer schön, aber die Hoffnung lebte auf.
2017 zitterte man sich im letzten Spiel, gegen Wolfsburg, auf Platz 14.
Die Stimmung unter den Fans war noch immer gut, die in der Stadt hatte sich abgekühlt. Der HSV ist mal wieder im Abstiegskampf? *gähn*, ok, erzähl was Neues…

Und heute?
Wir haben den Vorstandsvorsitzenden, den Sportdirektor und natürlich die Trainer schon wieder mehrmals ausgewechselt. Nach van Marvjik und Mirko Slomka kamen Joe Zinnbauer (Peter Knäbel zähle ich nicht) und Bruno Labbadia.
Im September 2016 übernahm Markus Gisdol.
Warum? Weil man allen vor ihm keine weitere Entwicklung der zusammengewürfelten Mannschaft zutraute.
Ergebnis: Nach dem ersten Spiel der Rückrunde stehen wir auf Platz 17. Bremen hat einen, Mainz zwei und Wolfsburg (noch!) vier Punkte Vorsprung. Köln hat heute auch noch die Chance, auf 9 Punkte zu erhöhen.

Die Fans nehmen inzwischen die Niederlagen leiser hin.
Es zieht sowas wie Normalität ein. Sonntags aufstehen, mit einer Niederlage im Gepäck? Normal! Die Lästereien der Kollegen am Arbeitsplatz, von Nachbarn und Bekannten? Sie lassen nach. Die Blicke sind inzwischen eher mitleidig, denn schadenfroh.

Inzwischen ist das Trainerfass offen.
Kein Wunder. „Das Spiel hat uns gezeigt, woran wir arbeiten müssen“, sagte Gisdol gestern, in der Pressekonferenz, nach dem verlorenen Spiel gegen Augsburg. Äh, es hat gezeigt, woran man arbeiten muss? Was habt ihr vorher gemacht?

Seien wir ehrlich. Die neun in der Statistik aufgeführten Torschüsse waren eher welche, um den Torhüter warm zu schießen. Im Mittelfeld ging so gut wie gar nichts zusammen, und vorne fehlten die wirklichen Chancen. Zum Teil, weil die Offensive damit beschäftigt war, die Defensive zu unterstützen.
Das funktionierte bis zur 45. Minute.
Dann ging es, nach einem Freistoß über links schnell nach vorne, Caiuby flankte mit links an den Elfmeterpunkt. Dort gewann Koo das Duell mit Douglas Santos und netzte per Kopfball ins linke Eck. Pollersbeck blieb chancenlos.

Aber, was anderes hätte Gisdol, nach dieser bitteren Niederlage denn sagen sollen? Wir haben scheiße gespielt, aber wir können es halt nicht besser?
Am besten ist, du sagst gar nichts mehr weil du weißt, alles, WAS du sagst, kommt falsch rüber.

Und nun schließt sich der Kreis.
Es tut nicht mehr so doll weh, wenn „mein“ HSV verliert. Klar bin ich traurig. Aber eher deshalb, weil ich sehe, wie ein ehemals großer Verein sich immer kleiner macht. Wie hilflose Parolen von Spielern und Trainern Woche für Woche dieselben sind, ohne dass man am Ergebnis etwas ändern kann.
Der Verein hat sich und seine Fans über Jahre hinweg, Schritt für Schritt, selbst in diese Gefühlslage manövriert.
Die Situation ist ernst. Sehr ernst! Viele vergessen bei ihren Rechnungen zudem: auch die anderen Vereine haben noch 16 Spieltage und können an diesen punkten.
Verlieren wir nächste Woche gegen Köln, brennt die Hütte.
Das muss uns allen klar sein.

Auch wenn es in der Mannschaft noch so stimmig ist, wie alle Verantwortlichen immer behaupten: auf dem Platz geht noch immer wenig zusammen. Noch immer landet fast jeder 3. Pass beim Gegner, noch immer fehlt es vorne und im Mittelfeld an Kreativität.

Klar wäre ein Gang in Liga 2 sehr bitter. Ich beschäftige mich zum 1. Mal in den letzten Jahren ernsthaft damit und bin bereit, auch diesen Weg zu gehen, wenn nichts anderes mehr hilft. Natürlich bleibe ich Fan vom HSV und, klar werde ich auch am kommenden Wochenende wieder mitzittern, mich freuen oder ggf auch ärgern. Aber lange nicht mehr so, wie es früher mal war. Inzwischen schlafe ich auch nach Niederlagen nicht mehr mit negativen Gedanken ein. Wann das anfing? Ich weiß es nicht mehr so genau.
Es wird eben nie wieder so werden, wie es mal war! Vergangenheit wird Vergangenheit bleiben. Was die Zukunft bringt, müssen wir abwarten.
Das gilt im wahren Leben ebenso, wie für die schönste Nebensache der Welt!
Oder wie seht ihr das?
(mg)