Nachtreter

Mal ehrlich, welcher Chef stellt neue Mitarbeiter ein, die öffentlich über ihre alten Arbeitgeber herziehen?

Also, aufgepasst in Frankfurt, Genua oder Augsburg.
Aufgepasst an alle, die jemals daran denken sollten, ehemaligen Vorstandsmitgliedern oder Trainern des HSV einen neuen Job anzubieten.
Denn gerade in den letzten Wochen hat dieses „fröhliche Halali zum Nachtreten“ wieder Fahrt aufgenommen.

In den letzten Jahren machten bereits Slomka („Der HSV hat mich ausgesaugt“) als auch sein Kollege van Marwijk („da ging vieles drunter. So was habe ich noch nie erlebt. Die Konzentration auf den Fußball war fast nicht möglich“), nach ihrem Abgang, ihrem Unmut öffentlich Luft.
Dass von Gisdol und Hollerbach noch nichts kam mag daran liegen, dass sie offiziell noch beim HSV unter Vertrag stehen.
So fließen, laut Medien, bis 2019 etwa drei Millionen Euro in die Portemonnaies der beiden Ex-Trainer, sowie ihren Assistenten.
Übrigens auch nach dem Abstieg, da Bruchhagen und Co. es verpassten, das Arbeitspapier für den Fall der Fälle entsprechend anzupassen.
Rühmliche Ausnahme (wenigstens bisher) Didi Beiersdorfer, der seinen Abgang, 2016, allerdings auch fürstlich, mit kolportierten drei Millionen Euro vergoldet bekam. Vielleicht war ja auch eine Schweigeklausel mit dabei…

Was mich dieser Tage am meisten geärgert hat, ist DER „Umfaller“ der Woche.
„Was für den HSV das Richtige ist, ist auch für mich das Beste“, sagte ein Heribert Bruchhagen nach seiner Entlassung als Vorstandsvorsitzender, im März dieses Jahres. Auf Nachtreten, so verkündete die Presse großspurig, verzichte er.

Peng! Was bitte ist dann in den letzten Monaten passiert?

Anfang der Woche lederte der jetzt 70-Jährige über seinen Nachfolger, Bernd Hoffmann und über die Mannschaft, Lewis Holtby im Speziellen.
Einigermaßen fassungslos hat mich der Satz „Wenn Spieler wie Lewis Holtby sagen, „Jetzt macht Fußball wieder Spaß“, dann fällt einem dazu nichts mehr ein. …sie haben Beiersdorfer…Gisdol…Hollerbach den Job gekostet und am Ende auch noch mir“, zurückgelassen.
Das, Herr Bruchhagen, ist ganz schlechtes Kino!
Denn während Sie im Frühjahr 2018 noch so selbstreflektiert waren und sich nicht gänzlich aus der Schuld am schlechten Stand der sportlichen Situation herausstahlen („als Vorstandschef liegt die Verantwortung sicherlich auch bei mir“), sehen Sie sich heute nur noch als Opfer einer Machtintrige, zusammengebraut aus dem Hause Hoffmann („er hatte einen Masterplan…das war alles vorhersehbar“) und dann gleich noch der kompletten Mannschaft.

Sie, Herr Bruchhagen, haben damals Bernd Hollerbach eingestellt, der den Abstieg des HSV besiegelte, da er mit einer solchen Mammutaufgabe sichtlich überfordert war!
Sie haben Verträge mitunterzeichnet, die heute für Kopfschütteln in der aktuellen Führungsetage sorgen (siehe die Weiterzahlungen an Gisdol und Hollerbach).
Sie haben im Winter 2017 an der Sparschraube gedreht und damit die Mannschaft geschwächt in eine aussichtslose Rückrunde geschickt.
Wie dicht waren Sie und ihr Team eigentlich an den Spielern und Trainern dran? Haben Sie den Unmut, die Hilflosigkeit nicht bemerkt, und das ideenlose Gekicke nicht gesehen? Haben Sie sich im Gegenteil dazu mal die letzten Spiele des HSV angeschaut und einen Vergleich zur letzten Saison gewagt? Ich denke mal nicht. Denn wenn, dann bleibt mir nichts anderes übrig als anzunehmen, dass aus Ihnen die pure Verbitterung spricht. Was schade wäre, habe ich Sie doch bisher für einen wirklich fairen Sportsmann gehalten und auch als solchen kennengelernt.

Ja, und dann sind da noch Spieler, die uns jüngst verlassen haben und in ihren neuen Vereinen plötzlich feststellen, wie schlimm es doch in Hamburg war.
Erwähnt seien hier „nur“ ein André Hahn, der in bester „mimimi“-Manier mangelnden Zusammenhalt und eine geteilte HSV-Mannschaft beklagt, um gleich danach in Schwärmereien über den besonderen Teamgeist und einen Zusammenhalt „wie unter Freunden“ in Augsburg verfällt.
Lieber André. Ihr alle seid erwachsene Männer. Wenn etwas im Kreis der Arbeitskollegen nicht stimmt, dann spreche ich das an, bevor ich mich im Nachhinein, in der Öffentlichkeit darüber beklage.
Selbiges gilt für Nikolai Müller, der sich bei mir, mit seiner Beschwerde über mangelnde Kommunikation und Wertschätzung des Klubs, ins Abseits befördert hat.
Hallo?
Du bist fast die komplette Saison verletzt gewesen. Um dich herum hat sich in der Zeit ein neues Gebilde von Spielern, mit einem neuen Trainer und einer neuen Taktik gebildet. Da ist es doch völlig normal, dass du nach deiner Rückkehr nicht sofort wieder die erste Geige spielst!
Und auch dir, Nikolai, hat der liebe Gott einen Verstand und einen Mund zum Fragen gegeben. Gesprächswünsche sind keine Einbahnstraße!
Hätte dir ein Verbleib beim HSV am Herzen gelegen, dann mag ich nicht glauben, dass deine Gesprächsanfragen abgelehnt worden wären.
Enttäuschung 2.0: Albin Ekdal, der, vom Pech verfolgt, nie so wirklich ein Bein an den Mannschaftsboden bekam.
Sich nach seinem Abgang zu Sampdoria Genua allerdings über mangelnde Ruhe und wenig Struktur im Verein zu beklagen ist armselig. Denn das hat sich gerade in den letzten Monaten komplett verändert.
Seid doch wenigstens ehrlich, Jungs, und sagt, dass es beim HSV eben nicht mehr soviel Geld gibt, wie bei euren neuen Vereinen! Das kann dann zwar nicht jeder verstehen, aber man muss es eben akzeptieren.

Wenn es jemals ruhig war, beim HSV, dann jetzt!
Da mögen sie alle hetzten, die enttäuschten Magaths, Bruchhagens und wie sie alle heißen. Ich finde es erfrischend, dass wir Neuigkeiten über Verpflichtungen oder Verkäufe eben nicht mehr aus den Medien, sondern über unseren Verein, den HSV, direkt erfahren!
Sehr zum Unmut der Presse, wie es scheint. Denn denen bleibt eben nichts anderes übrig, als ihre Seiten mit Statements zu füllen, die in alte Hörner blasen. Aus Enttäuschung, Frust oder was auch immer die Befragten dazu bewegt. Ich mag Nachtreter nicht.

Ich mag Spieler wie Lewis Holtby, der nicht nur sein Herz auf der Zunge trägt, sondern auch Verantwortung auf dem Platz übernimmt. Oder Typen wie Fiete Arp, dem man seinen Respekt vor Spielerlegenden wie Uwe Seeler noch ehrlich ansieht und den es einfach sympathisch macht, dass er nicht nur dem schnellen Erfolg (und dem Geld) hinterherhechelt. Einfach ausgedrückt: Ich mag diesen neuen HSV!
(mg)

P.S: Wer es noch nicht mitbekommen hat: das Nachholspiel des HSV bei Dynamo Dresden findet am Dienstag, den 18. September, um 18.30 Uhr statt.