Mediales Mobbing

Er ist kaum eine Woche im Amt und schon sorgt er für die meisten Schlagzeilen in den Medien.
Ralf Becker, frisch gekürter Sportdirektor beim HSV und gemeinsam mit Bernd Hoffmann und Frank Wettstein der komplettierte Vorstand in der AG des Vereins.

Während der vergangenen Tage gab er Interviews, die für viel Beachtung in den Zeitungen der gesamten Republik sorgten. Viele von diesen Blättern übernahmen ungefiltert Zitate, fügten Vermutungen hinzu und dichteten gar Untertöne ein, die sie meinten, rausgehört zu haben.
„Das kann man als Seitenhieb auf Bernhard Peters verstehen. Denn der vornehmlich für den Nachwuchsbereich zuständige Direktor Sport hat beim HSV Trainer wie Joe Zinnbauer und auch Titz gecoacht“, lautete beispielsweise eine Formulierung, die es auf zig Seiten on-und offline zu lesen gab.
Dabei hatte Becker „nur“ bestätigt, der wichtigste Mann im operativen Bereich sei für ihn Trainer Christian Titz.
„Ihm gilt meine komplette Unterstützung. Ich bin an seiner Seite, wenn er mich braucht. Ich bin aber nicht der, der ihm erklärt, wie er seine Dinge machen muss.“
Punkt.
Wer darin einen Seitenhieb zu lesen vermag hat für mich nur eines im Sinn: den HSV bloß nicht zur Ruhe kommen lassen. Zoff in der Führungsetage, in den vergangenen Jahren ja nichts Ungewöhnliches, kommt ja auch viel besser, als ein sachliches, zielorientiertes Zusammenwirken aller Beteiligten, das so gar nicht berichtenswert erscheint. Zu eben dieser hatte übrigens gerade Frank Wettstein alle Beteiligten, über die offiziellen Kanäle des HSV, aufgefordert.

Bernhard Peters und Ralf Becker sind beide erwachsene Menschen. Mit genügend Intelligenz und dem Willen, eventuell bestehende Probleme aufzuarbeiten, würde im Sinne aller gehandelt werden. Soviel sollte man ihnen zumindest zutrauen.
Doch das, was gerade medial abläuft, grenzt fast an Mobbing. Mobbing sowohl gegen Peters als auch gegen Becker.

Becker wird zum harten, herzlosen „Hund“ hochstilisiert, der sowohl das Büro seines „Konkurrenten“, als auch seinen Platz in der Kabine und auf der Trainerbank einnehmen will. Peters hingegen wird so lange kleingeschrieben, bis er vielleicht selber nicht mehr in den Spiegel gucken kann und seinen Hut nimmt.

Zum Teil hat er sich sicherlich selber in diese Situation gebracht. Seine Ambitionen auf das Amt des SpoDis, die er in einem Abendblatt-Interview erkennen ließ, gehörten einfach nicht in die Öffentlichkeit. Mit einem intern geführten Gespräch hätte sich dieses unschöne Gebashe, das nun entbrannt ist, vermeiden lassen und den Druck auf den HSV UND Peters gar nicht erst in Gang gesetzt.

Fakt 1 ist: wir alle wissen nicht, was genau intern gelaufen ist.
Fakt 2 ist: Peters besitzt einen gültigen Arbeitsvertrag, in dem seine Aufgaben detailliert beschrieben sein dürften. Werden diese beschnitten, hat er das gute Recht, darauf zu bestehen. Sind sie es nicht, sollte er in seinen alten Job, in dem er durchaus gute Arbeit geleistet hat, zurückkehren und das tun, wofür er bezahlt wird.
Erfolge sind das, was am schnellsten Gras über diese mediale Posse wachsen lässt und so manchem Reporter die Tinte schnell vom Füller nehmen dürfte.
Dass dafür allerdings erst die neue Saison angepfiffen werden muss, ist wohl auch jedem klar.

Im Übrigen haben wir beim HSV für meine Begriffe gerade ganz andere Probleme. Wir bereiten uns auf eine Saison vor, die für alle Neuland ist.
Und bin ich durchaus Willens, dem bestehenden Team Vertrauen auszusprechen, so ist mir doch eine Aussage unseres neuen SpoDis aufgestoßen:
„Wir wollen eine Struktur schaffen, in der die Richtung klar ist und das Ergebnis am besten im nächsten Sommer eintritt. Wir wollen das aber nicht mit Arroganz angehen, sondern mit Demut. Wir wollen bescheiden sein und vor allem arbeiten.“ (BILD)

Lieber Herr Becker. Weder mit Arroganz NOCH mit Demut gewinnt man Spiele. Wie lange sich der HSV schon in Demut begeben soll? Ich habe die Jahre nicht gezählt.
Ich mag es nicht mehr hören.
Viel mehr erwarten doch wohl alle eine schlagkräftige Mannschaft, die weiß was sie will, bissig auf den Platz geht und die verinnerlicht hat, dass sie allerorten als Favorit gesehen wird, den es zu schlagen gilt.
Weder gegen Aue, noch gegen Sandhausen, Köln oder Kiel wird Demut helfen.
Viel mehr werden Respekt vor jedem Gegner, Konzentration, Einsatz, Spieltaktik sowie Kampfgeist gefordert sein! Und eine Prise Bodenständigkeit, die es gilt, nicht nur auf der finanziellen Ebene wiederzuerlangen.
In diesem Sinne: herzlich willkommen Herr Becker und allzeit ein glückliches Händchen. Gegner überzeugt man am besten mit Leistung. Aber, wem sage ich das…
(mg)