Kaugummi im Tal der Ahnungslosen

Man braucht Geduld. Das gilt für fast jede Lebenslage.
Das galt auch gestern, als der HSV in seinem Nachholspiel des 4. Spieltages auf Dresdens angerührte Kaugummimasse traf.
Geduldig ließ man die Gäste, im frisch getauften Rudolf-Harbig-Stadion, ihr Liberospielchen mit Pollersbeck, Bates und van Drongelen durchziehen und wartete auf Konter. Die bekam man auch des Öfteren, weil die Rothosen in den ersten 45 Minuten, meist im Mittelfeld, zu leichtfertig den Ball verloren.

Hinten war kein Durchkommen, Dresden staffelte geschickt und stand stabil. Damit war es auch fast unmöglich, einen Lasogga zu bedienen, der somit wirkungslos in der Startelf blieb. Bester Mann der 1. Halbzeit: Santos, der immer und immer wieder den Drang nach vorne hatte (seine tolle Eckbanane war super gedacht, der Treffer wurde leider von Torwart Schubert verhindert), ohne seine defensive Aufgabe zu vernachlässigen.
Titz muss sein teils hilflos wirkendes Team in der Halbzeitpause wohl mit deutlichen Worten geweckt haben.
Und mit Hwang, der in der 46. Minute Vagnoman erlöste, und Mangala für Hunt (57.) kam deutlich mehr Schwung in die Partie.
Hwang belohnt das Vertrauen seines Trainers mit einem Traumtor, in der 67. Minute.
Pollersbeck rettet erneut mit ein paar tollen Reflexen den knappen Vorsprung.

Über den verschossenen Elfer von Lasogga in der Nachspielzeit, decken wir schnell den Mantel des Vergessens.
Nach der langen Verzögerung, mit der er nicht nur die Dresdner, sondern anscheinend sich selber entnervte, war es absehbar, dass der Ball überall hin, nur nicht ins Tor gehen würde.
Egal. Mit drei glücklichen Punkten fuhren die Hamburger nach Hause.
Im Gepäck: Die Tabellenführung (die erste nach Ende eines Spieltages seit 2009!). Zumindest bis zum kommenden Wochenende.

Christian Titz, der nach eigener Aussage nicht auf die Tabelle, sondern sein Augenmerk lieber auf jedes einzelne Spiel legt („Die Tabellenführung ist eine nette Begleiterscheinung. Man sieht, wie schwer die Partien in der Zweiten Liga sind“), analysierte glasklar: „Wir müssen lernen, besser zu verteidigen.“ Auch ein Mangel an konstanter Konzentration hat er bei einigen seiner Spieler ausgemacht.
Richtig so!
Fünf Siege in den letzten fünf Pflichtspielen scheinen bei dem ein oder anderen den Kopf-Schlendrian einziehen zu lassen.
Die erste Halbzeit wirkte behäbig. Man wurde das Gefühl nicht los, irgendwo lähmt die Angst vor Verletzungen in den Zweikämpfen die Beine.
Zu wenig Bewegung ohne Ball und eben Konzentrationsmängel forderten Pollersbecks ganzes Talent und führten gar zu lautstarken Rüffeln von ihm an seine Vorderleute.

Und unter den Fans? Da geht sie schon wieder los, die in Hamburg so bekannte Euphorie. War es in den vergangenen Jahren eher die Qualifikation zur Europaleague, so ist es 2018 eben die des klassischen Aufstiegstraums.
Lustige Kartoons machen die Runde. Jagte der steinzeitliche Fred Feuerstein vor Anpfiff des Spiels choreografisch noch den Dino aus Hamburg, so erlegt der Dino aktuell das „Tal der Ahnungslosen“.
Siegesparolen und Termine für Aufstiegsfeiern machen die Runde.
Leute. Bleibt auf dem Teppich! Wir hätten uns wahrlich nicht beschweren dürfen, wäre das Spiel unentschieden oder gar andersherum ausgegangen.
Klar ist, wir Hamburger Fans sind mehr als gebeutelt. Auch ich hätte vor dem Spiel nicht wirklich daran geglaubt, dass wir das Ding nachhause schaukeln. Viel zu oft standen wir, gerade bei solchen Tabellensituationen, hinterher mit leeren Händen da.
Aber: es sind mal gerade fünf Spiele der noch jungen Saison gespielt.
Es liegen noch harte Brocken vor uns.

Was mir, momentan unter den Fans fehlt, ist ein realistischer Blick nach vorne.
Es wird noch Rückschläge geben.
Rückschläge, die diese junge Mannschaft auch kopfmäßig wegstecken muss.
Dann wünsche ich mir weiterhin bedingungslose Unterstützung unserer Fans, diesen Support, der das Team bisher nicht nur im Volkspark, sondern auch auswärts, getragen hat.

Und zwar gewaltlos.
Auf allen Ebenen.
Das, was gestern anscheinend noch nach dem Spiel in Dresden mit gegnerischen Fahnen und Schals gemacht wurde, ist des Fußballs und jedes Fans unwürdig.
Es gibt so viele, die sich gerade im Jahr 2018 gegen jede Form des Rassismus wenden. Ginge es nach mir, würden alle ihre überschüssige Energie lieber in solche Aktionen legen, als die Anhänger anderer Vereine zu beklauen oder ihnen gar mit Gewalt zu drohen.
Das gilt übrigens für jeden Fan. Auch für uns HSVer, wenn es in gut einer Woche gegen den Stadtrivalen geht.
Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Momentan auch für die Hamburger, wenn auch in der 2. Liga.
Sonntag geht es gegen Regensburg. Die warten seit sechs Wochen auf einen Sieg, was wirklich alles andere als ungefährlich ist.
In diesem Sinne: schön locker bleiben. Auch, wenn das Geduld erfordert. Wie fast alles im Leben.
(mg)