Ein Wechselbad der Gefühle

Es läuft die 89. Minute, Hwang hat den Ball, sprintet los, vorbei an vom Konter überrascht scheinende Berliner. Er ist kurz vor dem Strafraum. Er schlägt Haken. Einen, zwei… Hwang müsste schießen.

Hwang schießt.

TOOOOOOOOOR!

Der Hamburger Sportverein führt mit 3:1. Tabellenplatz 1, mit vier Punkten Vorsprung vor dem Kölner FC.

Das Stadion tobt und…

…ich wache auf.

Shit.

So hätte es gewesen sein können. Wenn, ja wenn Hwang nach seinem tollen Solo nicht letztendlich doch noch an Torwart Gikiewicz gescheitert wäre. Das war eine 100%ige.

Hätte, wäre, wenn.

Der HSV muss sich, im Spitzenspiel der 2. Liga, mit einem Unentschieden zufriedengeben.

Und ich muss ganz ehrlich sagen: zu Recht. Union war ein Gegner, der mitspielte, der gegenhielt, der herausforderte.

Während der ersten 45 Minuten war nicht viel Esprit bei den Hamburgern zu sehen. Selbst Santos, normalerweise einer der Besten auf dem Platz, ließ sich zu dem ein oder anderen gruseligen Fehlpass animieren.

Auch Kapitän Hunt und Schnurbartträger Holtby waren nicht präsent.

Der einzige, der für etwas Wirbel sorgte, war der auf links gesetzte Bakery Jatta.

Bei ihm liegen allerdings Genie und Wahnsinn noch sehr dicht beieinander.

Das Führungstor für die Gäste war ein schwaches Zusammenspiel unserer Abwehr. Mees ist schneller als Sakai, van Drongelen und Lacroix zusammen. Pollersbeck ruht in der Mitte des Tores, so knallt der Ball in die unbewachte kurze Ecke.

Vorne wirken wir harmlos und das nötige Zielwasser haben die Jungs wohl erst in der Pause erhalten.

Da nutzen auch die 86% Passquote der ersten Halbzeit nichts, da diese auf 14% sank, wenn es ins letzte Drittel des Feldes ging.

Man muss zugeben, dass die Eisernen ihrem Namen alle Ehre machten. Sie standen hinten kompakt, so dass selten ein Durchkommen möglich war.

Nicht umsonst führen sie, gemeinsam mit dem BVB, die Tabelle der „Unbesiegbaren“ aller Ligen an.

Der Ausgleich fällt ebenso gerecht.

Denn die Hamburger drehen nach der Halbzeitpause auf.

Hunt ist inzwischen auch mit dem Kopf auf dem Platz und versenkt den Ball, nach einem Fehler von Reichel, aus acht Metern im Tor.

Holtby profitiert in der 65. Minute von einem nicht geklärten Jatta-Schuß und drischt das Leder ins Netz.

Tja, und dann folgt eine Auswechselung, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Hannes Wolf nimmt den erstarkten Hunt vom Platz und bringt in der 74. Minute…Bates!

Der HSV bietet drei Innenverteidiger auf. Das Ziel von Wolf ist deutlich. Man will das Ergebnis halten.

Das ging, wie man nun weiß, in die Hosen.

Daran änderte dann auch die Auswechselung von Narey gegen Arp, in der 79., nichts mehr.

In der 77. Minute erfolgt ein Wunder.

Schiri Frank Willenborg zieht die 1. Gelbe Karte des Spieles. Marcel Hartel hatte Hwangs Trikot eindeutig zu heftig gedehnt.

In den 76 Minuten zuvor hatte man das Gefühl, Willenborg legt lediglich Wert darauf, seine Schiedsrichterbälle kontrolliert ausführen zu lassen.

Das, WAS er pfiff war teilweise nicht der Rede wert, während er eindeutige Fouls ungeahndet ließ.

Und eigentlich hätten die Berliner ab der 87., nach einer eindeutigen Tätlichkeit von Trimmel gegen Jatte, nur noch mit neun Feldspielern auf dem Rasen stehen müssen.

Es kam, was kommen musste, Bates und Lacroix waren wohl schon mit den Gedanken in der Kabine.

Suleiman Abdullahi bedankte sich mit dem Ausgleich…

Mein Fazit: es war ein Spitzenspiel, das seinen Namen wirklich verdient hatte. Ich habe in der 2. Halbzeit einen guten HSV gesehen, der sich nach dem Rückstand nicht aufgegeben hat.

Warum nicht gleich von Beginn an so?

Die Auswechselungen waren für mich kontraproduktiv. Auch Mangala gegen Moritz habe ich nicht verstanden. Es sei denn, Wolf wollte Moritz endlich mal wieder das Gefühl geben, auf dem Volksparkrasen zu stehen.

Gut fand ich, dass Jatta bis zum Abpfiff spielen durfte. Das stärkt sein Selbstbewusstsein.

Wie meinte Holtby am Sky-Mikrofon: „Das war ein Wechselbad der Gefühle“. Recht hat er…

Wolf wird aus dem Spiel viel mitgenommen haben, muss am Lasogga-Ersatz noch arbeiten und beim nächsten Mal die Parole „NACHLEGEN“ statt halten ausgeben.

Am Sonntag geht es gegen Schlusslicht Ingolstadt.

Die haben gerade ihren Trainer, Alexander Nouri, nach nur zwei Monaten, geschasst.

Aber das muss ja nicht unbedingt was heißen, wie man an Magdeburg gesehen hat.

Die Aufgabe kann, mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung, durchaus bewältigt werden.

Auf geht’s, Hamburg!

(mg)