Ein Sieg mit Herz und Kampfgeist

In Hamburg heißt es Durchschnaufen.
Mitte der Woche flatterten die Lizenzen für Liga 1 UND 2 in die Silvesterallee, gestern holte man sich drei wichtige Punkte, gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf.

Und während die einen noch das Haar in der Suppe suchen („Lizenzen sind kein Grund zum Jubeln, die sind normales Bundesligageschäft“… „das Spiel war durchzogen mit eklatanten Fehlern und Ballverlusten“…) schnuppern die anderen Morgenluft.
Und womit?
Mit Recht!
„Manchmal reicht es bei uns spielerisch nicht, um ein Spiel zu gewinnen. Dann muss der Kampf stimmen – so wie heute“, sagte Kapitän Sakai nach dem Spiel und brachte es auf den Punkt.
Denn wenn man diesen Jungs inzwischen eines nicht absprechen kann, dann ist das der Wille, siegen zu wollen.

Absehbar, dass nach fünf Wochen mal ein Gegner damit beginnen würde, das antrainierte Aufbauspiel zwischen Pollersbeck und seinen IV´s früh zu zerstören.
Das brachte wieder den ein oder anderen Ball, von hinten über das Mittelfeld, zu ungenau nach vorne, wo meist die Freiburger davon profitierten.
Das wiederum sorgte für eine enorme Fehlpassquote in der 1. Halbzeit und für Pollersbeck (der ein klasse Spiel machte) viel zu viele Möglichkeiten, sein Können unter Beweis stellen zu müssen.
Den schnellsten Sprint des gesamten Spiels dürfte einer der Betreuer für sich beanspruchen, als man auf der Ersatzbank feststellte, dass für Matti Steinmanns blutverschmiertes Trikot kein Ersatz bereit lag. Steinmann hatte in der 28. Minute einen Ball auf die Nase bekommen und durfte mit dem Shirt nicht mehr auf den Rasen. Quälend lang erscheinende vier Minuten in Unterzahl, in der die Freiburger ordentlich aufdrehten, war das Lehrgeld für alle Beteiligten, denen sowas ab sofort wohl nicht nochmal passieren dürfte.

In Minute 35 schnellte der Blutdruck der Hamburger Fans in ungesunde Höhen. Nach dem Motto „nimm du ihn, ich hab ihn sicher“, zeigte sich speziell Gideon Jung sehr zuversichtlich gegenüber seinem Torhüter, der gleich dreimal hintereinander Spitzenreaktionen zeigen musste, um den Führungstreffer der Gäste zu vermeiden. Die Rothosen wirkten verunsichert.

Irgendwie brachte man die erste Halbzeit ohne Gegentor rum und erhielt in der Kabine wohl eine an die Freiburger Störmaschine angepasste Marschroute von Christian Titz.

In der 54. Minute belohnte sich Lewis Holtby, der weder unter Gisdol noch unter Hollerbach eine Chance hatte, für seine wohl guten Trainingsleistungen und sein Durchhaltevermögen, indem er das dritte Tor in fünf Spielen unter Titz schoss.
Wie tief der Frust, gegen die Medien, die ihn längst abgeschrieben hatten, doch berührt haben muss, zeigte sich im Anschluss an den Schlusspfiff in der Mixedzone. „Die Lusche hat wieder getroffen“, gab er einem BILD-Reporter mit auf den Weg, der ihn unlängst wohl als solch eine bezeichnete.
Unter Christian Titz ist für mich nicht nur eine frischere Spielweise und ein enormer Teamgeist erkennbar. Auch ein Lewis Holtby, der übrigens mit fast 13 zurückgelegten Kilometern laufstärkster Spieler war, ist wieder aufgeblüht.
Das Quentchen Selbstsicherheit wünscht man sich jetzt noch für Bobby Wood, der in der 90. Minute das 2:0 vergab. Er zögerte, nach einem einsamen Spurt über rechts viel zu lange, bevor er sich dazu entschloss, nicht selber zu netzen, sondern den Ball zum aufgerückten Kostic rüberzulegen. Der traf dann letztendlich nur noch direkt den gegnerischen Keeper.

Für den Aufreger im Spiel sorgte jedoch mal wieder der Schiedsrichter, als er in der 71. Minute die Gelb-Rote Karte gegen Caglar Söyüncü zog, der kurz zuvor Kostic zu Fall brachte. Für mich eine Kann-Karte. Allerdings mit Auswirkung für die Gäste, die über 20 Minuten in Unterzahl spielen mussten.
Christian Streich wirkt in den Pressekonferenzen inzwischen auf mich, als würde man ihn regelmäßig unter Schlafmittel setzen. Er hadert nicht mehr mit dem Schicksal, bleibt ruhig, ja fast phlegmatisch und ergibt sich mit dem Hinweis, dass es eben eine Schiedsrichter-Entscheidung gewesen sei.

Statistisch gesehen, brachte die 2. Halbzeit die Werte wieder auf Titz-Niveau. Fast 80% angekommene Pässe, rund 56 Prozent Ballbesitz und 53 Prozent gewonnener Zweikämpfe standen letztendlich zu buche.
Erneut bleibt festzustellen, dass uns zu oft eine Anspielstation, für die inzwischen durchaus ankommenden Pässe von außen, in der Box fehlt.
Das war insbesondere in der 1. Halbzeit gut zu sehen.
Da nicht zu erwarten ist, dass sich daran noch viel ändert, werden auch die kommenden drei Partien zum Großteil über Kampf und Wille entschieden werden müssen.
Ich traue Christian Titz durchaus zu, den Spannungsbogen hoch genug halten zu können, um die Aussicht auf das Wunder von der Elbe am Leben zu erhalten.
Einen Hinweis darauf gab Holtby in einem Interview: „Psychologisch gesehen wäre ich jetzt lieber der Jäger als der Gejagte“, sendete er Richtung Wolfsburg.

Allerdings ist der 31. Spieltag auch für den HSV noch nicht vorbei. Heute spielt Augsburg gegen Mainz. Ein Sieg der Puppenkiste wäre aus Hamburger Sicht wünschenswert.
Und kommenden Samstag haben wir dann das nächste Endspiel gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf vor der Brust. Leider spielen wir gegen Wolfsburg auswärts. Denn auch gestern bewiesen sich die Fans im Volkspark erfolgreich als 12. Mann, der uns in Niedersachsen ein wenig fehlen wird.

Bis dahin heißt es #Hamburglebt, allen Haar-in-der-Suppe-Suchenden zum Trotz!
(mg)