Ein HSV grüßt von der Tabellenspitze

Ist es nicht eigentlich schon symptomatisch, dass viele Aufsteiger zu Beginn der neuen Bundesligasaison an der Tabellenspitze zu finden sind?
So auch aktuell wieder. Während Hannover, nach Meinung einiger Sportexperten, schon vor der Saison zum ersten, feststehenden Absteiger ans Tableau genagelt wurde, spielten sie bisher völlig befreit auf und genießen es sichtlich, wieder Mitglied im Oberhaus des deutschen Fußballs zu sein.

Seit gestern haben die Niedersachsen zehn Punkte aus vier Spielen auf dem Konto und grüßen, zumindest bis morgen, als Spitzenreiter. Zudem sind sie seit über einem Jahr ungeschlagen im eigenen Stadion.

Unter diesen Vorzeichen spielten: der „kleine“ gegen den „großen“ HSV. Unter Flutlicht, in der HDI-Arena, mussten die Hamburger bereits zum dritten Mal in dieser noch jungen Saison freitags den aktuellen Spieltag eröffnen.
Die Chancen für weitere drei Punkte standen jedoch von Beginn an nicht besonders gut. Nach den Ausfällen der kompletten Flügelzange, Müller und Kostic, meldete sich gestern auch noch Bobby Wood, mit Kniebeschwerden, aus dem Kader ab.
Für ihn ließ Markus Gisdol Sven Schipplock in die Spitze rücken.
Mit wenig Erfolg, wie man heute weiß. Denn der blonde, ehemalige Hoffenheimer, blieb erneut schwach, wenn es darum ging, Torgefährlichkeit auszustrahlen. Auch Jatta, der für Kostic in die Startelf rutschte, konnte seine Schnelligkeit am Ball selten unter Beweis stellen und blieb blass.
Überhaupt war die erste Hälfte des kleinen Derbys eher gezeichnet von hektischem Ballgetreibe, das nicht selten begleitet wurde von Fehlpässen. So vermerkten die Statistiker, dass jeder dritte Ball der Hanseaten beim Gegner landete.
Aber auch die Hannoveraner zeigten sich erneut passunsicher. Für die Fans war deutlich spürbar, dass keiner den ersten entscheidenden Fehler machen wollte.

In der 4. Minute lagen sich dann viele blau-weiß-schwarzen Fans jubelnd in den Armen. Sie hatten den Freistoß von Holtby, nach einem Foul von Felipe, im Netz zappeln gesehen. Dem war aber nicht so. Die Kugel ging, knapp am Pfosten vorbei, ins Aussennetz.
Es sollte so ziemlich die einzige brandgefährliche Szene der Rothosen bleiben…

Und statt auf dem Rasen, brannte es (mal wieder) auf den Rängen. Einige unbelehrbaren HSVer zündeten Pyros und nebelten das Spielfeld dermaßen ein, dass der Schiri kurzfristig abpfiff, um den Stadionsprecher mahnende Worte finden zu lassen.
Super gemacht, Jungs (und Mädels)! Das dürfte den Verein wieder mehrere 10.000€ kosten. Und eventuell sogar einen Stadionausschluss, mit dem der DFB ja bereits letzte Saison, gedroht hatte! Damit leistet man der Mannschaft dann einen besonders großen Dienst!
Nach der Spielunterbrechung ging es munter weiter. Sport 1 tickerte: „Gelungene Angriffe und Harakiri halten sich die Waage“, das traf es ziemlich gut.
Mit einem verdienten 0:0 ging es in die Pause, aus der die Hannoveraner, so wie es aussah, siegeswilliger wiederkamen.
Es dauerte keine fünf Minuten, da traf Martin Harnik, nach einem Ausrutscher von Jung, an Mathenia vorbei, ins Tor.
Durch die Führung beflügelt, drehten die Niedersachsen jetzt richtig auf.
Gisdol reagierte und wechselte elf Minuten später den glücklosen Jatta gegen den Neuen im Team: Sejad Salihović betrat, nach fünf Jahren wieder deutschen Bundesligarasen.

Durch seine Auswechslung nahm das Spiel etwas an Fahrt auf. Die Hamburger hatten den ersten Schock, über den Führungstreffer verdaut und spielten wieder mit.
Zwölf Minuten später war das Spiel auch für Albin Ekdal vorbei. Für ihn feierte der 20jährige Törles Knöll sein Bundesligadebüt.
Nicht, dass ich ihm das nicht gönnen würde, aber die Auswechslung habe ich nicht so wirklich verstanden… ich hätte eher Sven Schipplock einen früheren Feierabend gegönnt.
Ebenso wenig verstanden habe ich die Einwechselung von Sakai für Santos, in der 86. Minute, in der es dann, durch einen Freistoß des gerade eingewechselten Felix Klaus und der Vollendung durch Bebou, schon 2:0 stand. Der Treffer hat Mathenia in dieser Nacht sicherlich unruhiger schlafen lassen. Denn seine unglückliche Freistossabwehr, hatte den erfolgreichen hannoveranischen Abstauber erst möglich gemacht.

Nachdem es Papadopoulus, in der dreiminütigen Nachspielzeit schaffte, den gegnerische Torwart doch noch mal kurzfristig in Bedrängnis zu bringen, ertönte auch schon der Schlusspfiff.

Und während für einige HSVer nun schon wieder ein bisschen die Welt untergeht, setzen die anderen auf altbekannte Durchhalteparolen. „Mund abputzen und gegen Dortmund punkten“ lautet die Devise der Unerschütterlichen.
Fakt ist aber: auch das muss erstmal geschafft werden! Und die Personalsituation bei den Hanseaten wird auch am kommenden Mittwoch nicht besonders viel besser aussehen.
Markus Gisdol sei ans Herz gelegt: Pässe üben, üben, üben!
Und vorne im Sturm über Alternativen nachdenken, bitte!
Für die Mannschaft heißt es weiterackern. Denn am Kampfgeist hat es nicht gelegen. Der war erneut mit auf dem Platz. Eher lag es an der Technik. Und die könnt ihr besser, Jungs. Ich weiß das!
(mg)