Chancen

Jetzt mal ernsthaft.
Irgendwie ist es geradezu als „Glücksfall“ zu bezeichnen, dass der HSV in dieser Saison die 2. Bundesliga bespielen darf.
Ich bin mir fast sicher, dass wir mit dieser Mannschaft, die in meinen Augen einen echten Umbruch im Hinblick auf 2017/18 erfahren hat, im Oberhaus erneut mit dem Abstieg zu kämpfen gehabt hätten.

Das soll in keinster Weise eine Abwertung der Leistung, der Spieler oder gar des Trainerstabes darstellen.
Es ist ganz einfach Fakt, dass diese blutjunge Mannschaft die noch bevorstehenden 31 Spieltage als Chance nutzen kann.
Als Chance, die von den Medien so hoch gehypte „Titz-Technik“ zu trainieren, Fehler abzustellen, das System zu verinnerlichen und damit zu perfektionieren, um im besten Fall im nächsten Jahr Liga 1 damit zu begeistert.

Noch schleichen sich immer mal wieder Fehler ein, die bei treffsicheren, schnelleren Umschalt-Gegnern des Öfteren zu Gegentreffern und vielleicht sogar zu Niederlagen geführt hätten/führen würden.
Die Bielefelder Statistik zählte am 3. Spieltag der noch jungen Saison 17 Torschüsse, von denen kein einer im Netz von Pollersbecks Tor landete.
In Gedenken an unsere letzte Spielzeit hätten Montag wohl die Bielefelder noch drei Stunden weiterspielen können, ohne einen Ball zu versenken. Haste Scheiße am Schuh…. Ihr kennt das.

Eine Gefahr unseres Spiels ist zunächst noch immer der wackeligen Abwehr zu verdanken. Bates und auch van Drongelen hatten nicht ihren besten Tag. Auch eine Zweikampfquote von nur 43 Prozent spricht nicht für die Dominanz der Hamburger, die das Ergebnis letztlich vorgaukelt. Dass trotzdem am Ende die Null hinten stand, war auch ein paar super Paraden unserer Nr. 1 zuzuschreiben.

Der allerdings sorgte in der 42. Minute auch für den größten Aufreger des Spieles, als er einen von van Drongelen auf Voglsammer schlampig gespielten Pass, mit den Füßen an der Strafraumlinie, mit den Händen abwehrte.
Handspiel hinter dem 16er? Die Frage aller Fragen.
Denn selbst die langsamste Zeitlupe aller Sky-Kameras brachte nicht die letzte Gewissheit, ob der Ball vollständig hinter der Linie gehändelt wurde.

Leute, was bin ich froh, dass es keinen Videoschiedsrichter in der 2. Liga gibt! Denn auch das 1:0 durch Holtby hätte wohl im Kölner Fokus gestanden. Behinderung des Torwarts oder nicht?
Schiedsrichter Aarnink war schnell sicher, dass dem nicht so war, das Tor also regulär. Ich gehe davon aus, in der 1. Liga hätte man einen weiteren Grund gehabt, einen Schiri über einem Monitor hängen zu sehen.
Ich persönlich stehe inzwischen mit der Errungenschaft des VARs auf Kriegsfuß. Denn es ist mir immer noch lieber, eine schnell zu treffende Tatsachenentscheidung zu akzeptieren, als mehrere falsche Entscheidungen, die aus einem Videoraum kommen. Was zur Entlastung gedacht war, sorgt immer mehr für Verwirrung und Ärgernisse sowie Riesendiskussionen. Bei Fans, Spielern und Trainern.

Doch zurück zum Spiel.
Ich finde es gut und richtig, dass Titz den jungen Spielern, trotz ihrer Fehler weitere Chancen im nächsten Spiel gibt. Das ist nicht nur wichtig für das Selbstbewusstsein. Junge Spieler machen Fehler. Diese muss man ihnen zugestehen, ohne ihnen gleich die auferlegte Verantwortung zu entziehen. Nur so lernen sie.
Dieses Lernen könnte man sich in der 1. Liga kaum oder gar nicht leisten.
Ok, mit Papa und Jung fehlen zwei wichtige Defensivleute, die Titz sicher eingeplant hatte. Man wird sehen, wie er aufstellt, wenn die Beiden wieder zur Verfügung stehen.

Auch Ito braucht noch Zeit. Der kleine Dribbler vertanzt sich noch zu oft und versucht mit leichtem Starrsinn, seine Bälle noch ein Stück und noch ein Stück und NOCH ein Stück weiter in die Tornähe zu bringen. In ihm steckt ein großes Talent, das Entwicklung und Spielpraxis braucht.

Ein Wort zu „Bärchen“ Lasogga. In einigen Gruppen fand ich ironische Kommentare á la „jetzt, wo Lasogga wieder trifft, ist er euer Liebling, vorher war er nur überbezahlter Söldner“.
Also für mich sieht das ein bisschen anders aus. Pierre Michel tut einfach das, wofür er bezahlt wird. Tore schießen.
Dafür darf man ihn dann auch ein klein bisschen lieb haben. Denn auf dem Weg zurück in Liga 1 kann ein sicherer Strafraumstürmer eben Gold wert sein. Ok, ist er auch, aber das steht auf einem anderen Blatt.
Ich gebe aber auch zu, dass ich ihn nach der 1. Halbzeit ausgewechselt hätte. Wie gut, dass ich eben doch kein verantwortlicher Trainer bin 😉

Last but not least: es weht ein neuer Wind in der kompletten Mannschaft. Es menschelt. Eine lange Seite des neuen Kapitels im Team des HSV gebührt eindeutig Christian Titz.
So wie ich ihn kennenlernen durfte, als natürlicher, besonnener aber sehr wohl wissen- was- er will – Typ, so ist er auch im Umgang mit seinen Spielern.
Papa, Freund aber auch Chef und damit Vorgesetzter in einem. Ich bin froh, dass die Vorstandsetage auch mit ihm Mut zu Neuem und ein glückliches Händchen bewiesen hat und hoffe, dass man ihm Zeit genug gibt, sein Können auf mehreren Ebenen eindrücklich und richtungsweisend unter Beweis zu stellen.

Für mich die Szene des Spiels war übrigens der Jubel nach dem 1:0, als Holtby sich das Trikot des schwer verletzten Jairo Samperio zuwerfen ließ und hochhielt. Das Tor, den Sieg wollte man ihm widmen.
Und das tat man dann auch.
Dem Frischoperierten schicken wir an dieser Stelle auch gleich mal ein herzliches „gute Besserung“ rüber.

Mit einem Elfmeter, den der von Börner gefoulte Lasogga gleich selber verwandelte, machte man in der 88. Minute den Deckel auf das zweite Heimspiel der Saison drauf.
3:0 gegen gute, aber letztendlich ineffektive Bielefelder.
Das kann sich sehen lassen und bedeutet zunächst mal für eine Woche den Relegationsplatz. Das 1. Mal seit unzähligen Jahren, dass wir uns über einen Relegationsplatz freuen dürften.

Vor der Mannschaft und dem Trainerstab liegt noch eine Menge Arbeit. Auf dem Rasen und mental. Das wissen alle.
Übrigens gibt es dabei wohl bald Unterstützung von Jairo , der seine Rehamaßnahmen in Hamburg absolvieren wird, wie Titz in den Medien bekannt gab: „Er bekommt Videoaufgaben von uns. Gerade bei Standardsituationen hat er gute Ideen und eine hohe Intelligenz. Deshalb werden wir ihn einbeziehen.“ Somit wird er während der kommenden Monate Teil des Trainerteams und bleibt dicht an der Mannschaft. Gab es sowas schon mal? Ich kann mich nicht daran erinnern, finde es super und es zeigt einmal mehr, wie wichtig jeder einzelne Spiel für Titz ist, bei der Chance in Liga 2.
(mg)