Brustlöser

Habe ich jemals geschrieben, dass der HSV eine Wundertüte ist?
Ich nehme alles zurück.
Denn eigentlich ist der von uns allen so geliebte Fußballverein berechenbar wie eine Schweizer Kuckucksuhr.
Geht es gegen Gegner auf der so oft bemühten „Augenhöhe“, kann man sein letztes Hemd drauf verwetten, dass das in fast allen Fällen daneben geht. Ein Pünktchen wird es, wenn es hoch kommt und wenn Glück, Schiri, Rasen und natürlich der Gegner selber, mitspielt.
Setzt man dagegen nicht einen Pfifferling darauf, dass die Rothosen als Sieger vom Platz gehen, da die gegnerische Elf spielerisch besser, tabellarisch viel höher angesiedelt und das eigene Selbstbewusstsein eh gerade angekratzt ist, dann, ja dann, wachsen sie über sich hinaus und ziehen sich an den eigenen Haaren aus der Minikrise.

So auch am Sonntag. Es kam: der Tabellen Dritte! Die letzten sechs Jahre trat die Hertha jeweils siegreich die Heimfahrt von Hamburg nach Berlin an. Was also sollte man großartig erwarten?

Was genau Bruno Labbadia mit der Mannschaft angestellt hatte, in den vergangenen vier Tagen, nach dem grottigen Spiel gegen Schalke?
Man wird es wohl nie erfahren.
Am Anfang stand jedenfalls eine nicht unerhebliche Umstellung in der Startaufstellung.
Endlich war er wieder da: Albin Ekdal, schmerzlich vermisst in den letzten Monaten, als Ballverteiler, Ruhepol aber auch kluger Kopf (oder sollte ich sagen, Fuß?), der stets den Weg durch noch so gut gestaffelte Gegnerketten, nach vorne sucht. Auch Aaron Hunt erhielt einmal mehr das Vertrauen des Trainers. Für ihn musste Kacar weichen. Lasogga und Drmic fanden sich zugunsten Ilicevic und Rudi auf der Bank. Die Aufstellung somit etwas offensiver als die gegen Schalke.

Ja, da war noch eine Restangst spürbar, in der ersten Halbzeit. Aber auf beiden Seiten. Es war fast wie Beamtenmikado: wer sich als erstes bewegt, hat verloren. Nur, dass es eben darum ging, den ersten Fehler zu vermeiden, den der Gegner vielleicht gnadenlos hätte ausnutzen können.
Für die Hamburger wäre ein Führungstor der Hertha fatal gewesen. Ich wage zu bezweifeln, dass man mit der Kopflast, die man nach den Spielen gegen Ingolstadt, Frankfurt und Schalke mit sich rumschleppte, den Vorsprung wieder hätte einholen, geschweige denn das Spiel drehen können.
Und so ging es mit einem trägen 0:0 in die Kabinen.

Dort gab es wohl einen ordentlichen Schluck aus der Motivationsflasche, denn in der 2. Halbzeit wurden die Hamburger lockerer. Sakai wurde immer stärker (und frecher), Holtby legte noch einen Zahn drauf und in der 57. Minute auch (mit kleiner Hilfe des Berliners Stark) für Nicolas Müller auf. Der wählte die rechte untere Ecke und zauberte den Ball ins Netz des Berliner Keepers Jarstein.
Tor! Unglaublich Unfassbar! Tor gegen die Hertha! 1:0! Aber noch über eine halbe Stunde zu spielen…

Doch im Gegensatz zu den vergangenen Spielen steckten unsere Jungs nicht auf, setzten nicht auf Verwaltung und zogen sich zurück.
Der Treffer schien wie ein Brustlöser!
Man legte noch einen Gang zu und plötzlich klappte das auch mit den Pässen um Klassen besser!
Und wieder war es unser „Duracel-Häschen“, der für die Einleitung des Entscheidungstores sorgte.
Über Ilicevic und Hunt kam der Ball zu Holtby, der erneut für Müller auflegte. Müller traf und schnürte seinen ersten Doppelpack im Dress der Hamburger. Er überholte mit seinem insgesamt 7. Treffer Kollege Lasogga, der die gesamten 90 Minuten nicht zum Einsatz kam.

Dafür erlebte ein anderer seine Premiere in der Kulisse des Volksparkstadions: Nabil Bahoui, schwedischer Winterzugang, durfte in der 88. Minute erste Bundesligaluft schnuppern.
Ich freue mich darauf, mehr von ihm zu sehen.
Bis dahin hoffe ich, dass dieser Sieg mehr als ein Strohfeuer war, sich die Mannschaft in sich stabilisiert und am Sonntag dort weitermacht, wo sie gestern aufgehört hat.
Was soll da passieren? Schließlich spielen wir gegen Leverkusen. Da stehen wir, bei den Wettanbietern, sicherlich nicht in der Favoritenrolle.
Also: was soll da schief gehen, im Schweizer Uhrwerk?
(mg)