„Bärchen“ trifft wieder

Biss, Leidenschaft, Wille, Konzentrationsmangel, Kurzschlaf, Schludrigkeit und ein wachgeküsster Strafraumstürmer.
Die Zuschauer bekamen von allem etwas, in der 1. Runde des diesjährigen Pokalwettbewerbs, beim Spiel HSV gegen den TuS Erndtebrück.

Und der HSV wäre nicht der HSV, wenn er seinem Ruf, Pokalspiele grundsätzlich zu Herzschlagspielen zu machen, nicht alle Ehre gemacht hätte.
Pokal, 1. Runde, da war doch was?
Richtig. In der Saison 2017/18 ging man blamabel, mit einem 3:1, beim VFL Osnabrück unter, zwei Jahre zuvor gab es das Erstrundenaus mit einem 3:2 gegen Carl Zeiss Jena.
2016 zitterte sich der HSV, durch einen Treffer vom damaligen Neuzugang Alen Halilovic, erst in der 70. Minute, gegen den FSV Zwickau, in die 2. Runde.

All das wollte Christian Titz vor Anpfiff allerdings nicht weiter kommentieren. Auch im Pokal stand für ihn alles auf Neuanfang.
Und der HSV begann gut. Mit rasantem Tempofussball schickte der Trainer seine Elf aufs Grün des Siegener Leimbachstadion, auf das die Gastgeber, unter anderem wegen der größeren Kapazität und des Naturrasens, ausgewichen waren.

Knapp 15.000 Zuschauer sahen einen Zweitligisten, der ambitioniert an seine Aufgabe ging und bereits nach zehn Minuten mit 2:0 führte.
Ein Foulelfmeter, den Orel Mangala rausholte und Lewis Holtby sicher verwandelte sowie der erste Treffer von Fiete Arp (nach schöner Vorlage von Narey) in dieser noch jungen Saison, ließen die über 5000 mitgereisten Hamburger jubeln.

Den Hausherren war in der ersten halben Stunde eine gewisse Nervosität anzumerken und so kam es erst in der 38. Minute zum ersten halbwegs gefährlichen Schuss auf das Tor von Tom Mickel, der den in der Woche leicht angeschlagenen Pollersbeck vertrat.
Fünf Minuten später gönnte sich die Defensive des HSV einen kurzen Tiefschlaf. Saka schlug die Kugel von der rechten Seite in den Strafraum. Stürmer Rösch verpasste, dafür kam der Ball genau in den Lauf von Tatsuya Yamazaki, der völlig blank stand und nur noch einschieben musste. Ob das Tor durch eine Abseitsstellung zustande kam, darüber streiten sich heute noch die Experten. Jedenfalls ging es mit einem Anschlusstreffer der Gastgeber in die Kabinen.

Die Defensive hatte wohl noch nicht ausgeschlafen, denn keine drei Minuten nach der Pause klingelte es erneut im Tor von Mickel. Erneut wurde ein langer Ball, vor dem Strafraum per Kopf verlängert, schussfertig vor Niklas Hunold abgelegt. Der zimmerte die Kugel unbedrängt aus 16 Metern links unten in die Maschen.

Alles auf Null. Ausgleich. Die Gastgeber jubelten und viele HSVer hatten ein Deja dingens, ahnten Schlimmes. Weil, ja, weil sich langjährige schlechte Erfahrungen mit Pokalpleiten eben nicht so schnell auslöschen lassen.

Der HSV schien geschockt, verlor unnötige Zweikämpfe und produzierte in den nächsten 20 Minuten vermehrt überhastete Fehlpässe.

Doch dann begann ein weiteres Kapitel des „neuen“ HSV. Anstatt die Köpfe zwischen die Schultern zu stecken und sich dem Schicksal zu ergeben, gab man nochmal Gas. Titz bewies ein goldenes Auswechselhändchen und schickte in der 61. Minute Lasogga aufs Feld. Der Torschütze zum 2:0 durfte dafür Feierabend machen.

Es dauerte keine drei Minuten, da zahlte Lasogga das Vertrauen seines Trainers mit seiner geballten Körperpräsenz zurück. Ambrosius brachte den Ball von rechts dahin, wo ein Strafraumstürmer stehen muss. Lasogga stieg im 16er hoch und drückte die Kugel per Kopf temporeich ins Tor.
Etwa 60 Sekunden später war es erneut Lasogga, der aus fünf Metern, nach Hereingabe von Mangala, das 4:2 für den HSV machte.
„Bärchen“ trifft wieder!

Puh! Leute! Kein Spiel für schwache Nerven.
In der 70. Minute war Mickel mit seinen Gedanken bei allem anderen, nur nicht beim Spiel. Er ließ sich weit vor seinem Tor einen verschlampten Pass abluchsen, kassierte für den anschließend misslungenen Versuch, den Ball zurückzuerobern nur Gelb und konnte beim logisch folgenden Freistoß dem Kopfball durch Till Hilchenbach nur noch hinterhergucken.
3:4…
Ab der 71. Minute war wieder alles möglich. Der Ball lief rasant hin und her. Beide Mannschaften hatten Chancen, bevor Mangala aus 20 Metern viel Zeit und Platz hatte und mit einem schönen Abschluss in die rechte untere Ecke des Tores von Paul Schünemann den Deckel drauf machte.

3:5…Christian Titz wird mehrere Lehren aus diesem Spiel mitnehmen.
Zum einen ist da eine Offensive, die ihren Namen langsam auch verdient, allerdings noch zu viele Chancen liegenlässt.
Da ist ein Mittelfeld, das sowohl hui als auch pfui spielen kann. Eine Zweikampfquote von knapp 48 Prozent gilt es zu verbessern, denn auch ein Ballbesitz von über 80Prozent führt nicht zwangsweise zum Erfolg.
Gefährlich wird es auch immer mal wieder, wenn der Gegner das Titzsche Torwart-Libero-System frühzeitig anläuft und nicht alle, und ich meine wirklich alle, mit voller Konzentration dabei sind.
Schwachpunkt in der Mission Wiederaufstieg bleibt in diesem Zusammenhang die Defensive. Drei Tore gegen einen Fünftligisten müssen wirklich nicht sein. Viel zu groß waren oftmals die Räume zum Gegner.

Positiv herauszuheben ist der oben erwähnte Wille, auch nach Gegentoren das Spiel erneut zu drehen. Für Lasogga freut es mich, dass er mit seinem Doppelpack zum Sieg maßgeblich beitrug.
Mit Recht durfte er dafür auch den Titel „Man of the match“ mit nach Hamburg tragen.

Hoffen wir, dass er den Schwung mitnimmt in die Liga. Dort trifft der HSV am kommenden Montag auf Armenia Bielefeld.
Die Bielefelder reisen mit breiter Brust ins Volksparkstadion. Sie servierten am Samstag den FC Lok Stendal mit 5:0 ab.

Vor Christian Titz liegt eine arbeitsreiche Woche. Denn seine Stamm-Defensive steht wohl noch immer nicht. Dafür passieren sowohl Sakai und Bates (blieb vorgestern für Ambrosius draußen) als auch van Drongelen noch immer viel zu viele individuelle Fehler und oft mangelt es an oben erwähnter Konzentration.

Das Beste zum Schluss: wir sind eine Runde weiter. Die Saison ist noch jung. Ebenso wie die Mannschaft, die im Laufe des Jahres noch besser zueinander finden muss.
So. Das waren jetzt mindestens sechs Euro fürs Phrasenschwein 😉
(mg)