Willkommen in Liga 2

Es war 22.05 Uhr, die 78. Minute der Auftaktpartie in der 2. Bundesliga, da geschah das, wovor zahlreiche Fußballtaktiker und auch andere Medien schon im Vorfeld ein wenig Bammel hatten, so sie es denn mit dem HSV hielten.

„Hamburg verkünstelt sich beim Versuch, fußballerisch hinten rauszuspielen. So landet der Ball beim freistehenden Lee. Der Südkoreaner behält die Übersicht und bedient den eingewechselten Kinsombi in der Mitte. Der braucht nur noch einzuschieben“, das stammt aus der Liveberichterstattung von Sky und bedeutet nichts anderes, als dass Pollersbeck und seine Vorderleute sich beim  Versuch, ein sauberes Spiel von hinten aufzubauen mächtig verrechneten. Der Ball landete beim Gegner und führte zu einem schnellen Konter in der eigenen Hälfte.

Unsanft ist der Bundesliga-Dino bei seiner Premiere im Unterhaus der Liga auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Mit 0:3 schickte ein in der zurückliegenden Sommerpause spielermäßig ziemlich zerpflückter Kieler Kader die Rothosen in die Kabine und nahm einen großen Sack der zuvor über den Hanseaten ausgeschütteten Euphorie gleich mit.

HSV-Kapitän, Lewis Holtby, der Aaron Hunt an der Binde vertrat, sagte am Sky-Mikrofon: „Das hatte nichts mit dem zu tun, wie wir spielen wollten. Wir waren mutlos, haben als Mannschaft nicht gut gespielt und verdient verloren. Das werden wir aufarbeiten müssen und nächste Woche ein anderes Gesicht zeigen. Das war ein Spiel, in dem wir desaströs waren. Wir müssen eine Reaktion zeigen.“

Und so manch einer fragte sich, ob das nicht einfach ein Einspieler aus der vergangenen Saison war.

Wie oft haben wir HSV-Fans, gerade in der vergangenen Saison, gleichlautende Sätze gehört?

Wie oft blieb die Mannschaft nach eigener Aussage hinter ihren eigenen Erwartungen zurück?

Ja, da waren Chancen. Gerade in der 1. Halbzeit sorgten Tatsuya Ito (3.), Neuzugang Jairo Samperio (5.) und Holtby (12.) vorne für mächtig Wirbel. Und auch Khaled Narey versuchte, nach gelungener Premiere gegen Monaco, erneut sein Glück als Torschütze, in der 35. Minute. Seine Chance in der 74., nach einer Flanke von Rick van Drongelen, bei dem er versuchte mit dem rechten Fuß im Fünfmeterraum zu netzten, hätte ebenfalls drin sein müssen.

Und wer weiß wie sich die Partie entwickelt hätte, wäre wenigstens einer dieser Bälle im Netz gelandet.

Hätte, wäre, wenn. Da sind wir wieder, bei dem so ungeliebten Konjunktiv, der die Abschlussschwäche der HSVer auch in der abgelaufenen Saison schon in bester Regelmäßigkeit begleitete.

Und dann war da ja noch Kiels Königstransfer, der bereits oben erwähnte südkoreanische WM-Teilnehmer Jae Sung Lee, der immer wieder für mächtig Unruhe im Titzschen System sorgte.

Damit wären wir aus meiner Sicht beim eigentlichen Problem.

Denn im Gegensatz zu vielen anderslautender Meinungen habe ich sehr wohl gesehen, dass die Kieler von ihrem (auch neuen) Trainer, Tim Walter, hervorragend auf dieses System eingestellt waren.

Ein ums andere Mal störten sie das in den letzten Spielen der 1. Liga und auch in den Testspielen so locker (manchmal zu leger) aussehende Aufbauspiel, mit Pollersbeck als „Libero“, machten dem Kurzpassspiel durch das Mittelfeld mit aggressivem Anlaufen schnell ein Ende und zwangen den HSV so erneut zu langen Bällen, die, mangels Anspielstationen viel zu oft wieder nur in der gegnerischen Hälfte landeten, wo sie zu schnellen Kontern führten.

Täusche ich mich, oder wirkten die Titzschen Schützlinge überrascht davon?

Klar ist es eine junge Mannschaft, und klar ist auch, dass diese Youngsters immer mal wieder Fehler machen werden.

Trotzdem sah es oft so aus, als fiele ihnen, insbesondere in der 2. Halbzeit, keine Antwort auf die anstürmenden Kieler ein, die eben jenes eintrainierte System so manches Mal unterbanden.

So blieb dem HSV teils nichts anderes über, als einem verlorenen Ball hinterherzujagen, um Schlimmeres zu vermeiden.

Dabei half dann auch Pollersbeck, der mehrmals (z.B. in der 46. und 86. Minute) hervorragend parierte.

Irgendwie fehlte mir letztlich aber öfter auch der letzte Biss in den Zweikämpfen und im Laufen ohne Ball. Ich will glauben, das war nur eine schlechte Tagesform und hatte nichts mit mangelnder Kondition zu tun.

Mein Fazit:

Plan A ist mächtig in die Hose gegangen. Und auch die kommenden Gegner werden versuchen, sich der Hamburger Spielweise anzupassen und gegenzuhalten.

Es mangelte an einem Spielemacher im Mittelfeld und ich hoffe, dass nicht nur der fehlende Hunt diese Lücke ausgleichen kann.

Sollte dem so sein, hat Becker nicht nur die Aufgabe, sich noch nach einem IV umzuschauen, um die instabile Defensive zu stabilisieren.

Für mich war es auch eine überraschende Aufstellung, ohne richtigen Stürmer. Vielleicht doch keine so gute Idee.

Ich hoffe, Titz hat noch ein Plan B in der Tasche. Sonst könnte diese Saison für den leidgeprüften HSV-Fan eine noch härtere werden und schnell für Unruhe im Umfeld sorgen, die, wie wir nur zu gut wissen, kontraproduktiv ist.

Noch ist nicht viel passiert. Außer der Tatsache, dass der HSV mit aller Realität in der 2. Liga angekommen ist.

Und vielleicht liegt ein Großteil des vorherrschenden Frustes in den Tiefen der vergangenen Spielzeiten begründet. Denn man kann noch so oft sagen, schaut voran und nicht nach hinten.

In unseren Köpfen befinden sich noch immer jede Menge dieser unnötigen Niederlagen, die uns letztendlich dorthin brachten, wo wir jetzt spielen.

Und ich möchte nicht irgendwann wieder damit anfangen, die Spiele aufzuzählen, in denen man noch so und so viel Punkte machen kann, um nicht erneut in einen nach unten zeigenden Strudel zu geraten.

Ich brauche keine Durchhalteparolen mehr. Sie alle sind ausgelutscht. Wie in einer Beziehung, in der ein Thema totgeredet ist.

Ich baue auf sachliche (angebrachte) Kritik, eine realistische Analyse. Unter uns Fans und erst recht innerhalb der Mannschaft.

Diese Kritik hat auch nichts damit zu tun, dass wir nicht trotzdem uneingeschränkt hinter unseren Jungs und dem Trainer stehen.

Einem Trainer, der die Mannschaft bis zum nächsten Wochenende auch mental wieder aufbauen kann, um den entstandenen Schwung aus der Vorbereitung in die nächsten Spiele mitzunehmen.

Herr Titz, übernehmen Sie! Wir brauchen Reaktionen: Selbstbewusstsein ohne Arroganz, Taktik mit Variabilität, Mut ohne Übermut. Und das alles am besten schon nächste Woche gegen Sandhausen. (mg)