Ecken und Kanten

Unsere deutsche Nationalmannschaft ist ausgeschieden.
In der Vorrunde.
Als Letzter in einer Gruppe, eigentlich ohne die ganz großen Namen.

Nun stelle ich mir ein wenig die Frage nach dem Warum und viel wichtiger: Was kann man daraus lernen?
Und damit meine ich durchaus auch unseren HSV.

Die Spieler, die Löw mit nach Rußland genommen hat, waren alle gut.
Nun kann man streiten, ob sie besser als die Spieler der anderen Favoriten waren, aber für die Gruppe hätte es locker reichen müssen.
Also hat die Mannschaft nicht funktioniert oder die Taktik hat nicht gestimmt. Wahrscheinlich beides.
Fangen wir taktisch an: Die drei Gegner haben sich hinten reingestellt auf schnelle Konter gewartet.
Das ist im Übrigen auch etwas, was dem HSV in der Liga oft passieren wird.

Dann hat die deutsche Nationalmannschaft meiner Ansicht nach drei Fehler gemacht.
1. hat man die Halbräume nicht anständig besetzt.
Erinnern wir uns, dort lauerte fast immer einer der Gegner. Es kam ein Ball von hinten aus der Abwehr geschlagen und dann ging es mit Tempo los und die Abwehr kam ins Schwimmen.
Dabei haben wir es versäumt, schnell genug, mit genügend Leuten hinter den Ball zu kommen.
Das war schon so in den Vorbereitungsspielen und in den Gruppenspielen zu beobachten.
2. man hat sich immer wieder auf die Flügel drängen lassen, anstatt es übers Zentrum zu versuchen.
Aber das war eben auch von den Gegnern gut gemacht. Man hat unser Spiel ganz gezielt auf die Flügel gedrängt.
Und 3. hat man auf Teufel komm raus versucht, im Strafraum Überzahl zu entwickeln.
Das hört sich erstmal richtig an, aber wenn der Gegner schon mit 6 Spielern im Strafraum steht und wir noch mit 4 Spielern reindrängen, dann wird es einfach alles zu eng.
Erinnert ihr euch an unser Mainz-Spiel? Da hat Holler auch einen Stürmer nach dem anderen eingewechselt, alle haben sich im Weg gestanden und niemand war da, der diese Stürmer hätte in Szene setzen können.
Hier war es ähnlich. Wir hätten unsere Spieler zurückziehen müssen (was nebenbei auch der Defensive mehr Stabilität gebracht hätte) und dann wären Räume frei gewesen für Werner, Müller und Reus, in die sie hätten stoßen können.
Alle drei haben das Auge für solche Räume. Auch mit Özil und Kroos hätte man Spieler gehabt, die das Auge für die Räume gehabt hätten um genau dorthin die Bälle zu passen.
Und dann muß man auch einfach mal abziehen, auch aus der Entfernung.
Warum war Brandt so gut? Weil er genau das getan hat (mal, nicht nur).
Dann kommt der Ball zumindest mal aufs Tor und man hat die Chance, daß er, eventuell auch mal abgefälscht, reingeht.

Was hat das nun mit dem HSV 18/19 zu tun?
Ganz einfach: auch wir müssen aufpassen, daß wir die Räume nicht zu eng machen.
Geht es Richtung gegnerischem Strafraum, dann können wir mit Ito eins gegen eins, mit Holtby, der auch den Drang in diese Räume hat und auf der anderen Seite mit dem blitzschnellen Narey in die Räume hinter die Abwehr gehen, oder eben auch in die Mitte ziehen, um abzuschließen.
Beidfüßig kann er. Ich hoffe er erkennt auch die nötigen Räume.

Die Mannschaft. Es fehlte bei der Nationalmannschaft an mannschaftlicher Geschlossenheit auf dem Platz.
Anscheinend hatten die Spieler alle zu sehr mit sich selbst zu tun.
Dann fehlten Typen wie Poldi, die die anderen auch mal auflockern, Typen wir Klose, Mertesacker, die immer und überall zu 100% professionell sind und ein Schweinsteiger, der eben auch mal drüber hinweggeht und damit die anderen mitreißt.
Leider hat man es zu sehr im Schongang versucht.
Zu wenig Bewegung ohne Ball, somit fehlte es an Anspielstationen.
Nach Fehlpässen ist zB ein Toni Kroos nicht richtig hinterhergegangen, um den Fehler wettzumachen.
Viel entlädt sich auf Özil, aber auf den Zug sollten wir nicht aufspringen. Sicher, auch er hat nicht geglänzt, aber trotzdem war er nicht schlecht.
Nur ohne Bewegung im Strafraum hat er keine Lücken, in die er passen kann. Und lasst euch nicht von seiner Körpersprache täuschen. Mit genau dieser Körpersprache ist er vor 4 Jahren Weltmeister geworden.
Die ganze Mannschaft wirkte bocklos.
Warum? Unter anderem auch deshalb, weil sich viele Fans von ihr abgewandt haben.
Oder andersrum, man hat es seitens des DFB versäumt, die Fans mit ins Boot zu nehmen.
Diesen Schuh muß sich der aalglatte Bierhoff anziehen.
Die Presse wird von den Spielern und vom Trainer ferngehalten, Nachfragen sind nicht erwünscht.
Und auch die Erdoganaffaire, ist krisenmanagementmäßig saumiserabel behandelt worden.
Es wird versucht nirgendwo anzuecken, mit dem Ergebnis, man wird gesichtslos, austauschbar.
Im Eintrachtpodcast hat man es mit ner Scheibe Brot verglichen. Der eine mag keine Marmelade, der nächste keinen Käse und der übernächste keine Wurst.
Also gibt es nur trocken Brot.

Viele meinen, die Nationalmannschaft bekäme nichts davon mit, was hier in Deutschland abgeht. Das stimmt nicht. Man merkt immer wieder, sie registrieren ganz genau, wie die Stimmung unter den Fans ist.
Und eine gute Stimmung zuhause hätte den Jungs in Rußland auch geholfen, die richtige WM-Stimmung in der Mannschaft aufkommen zu lassen.

Als Folge der AfDisierung der Gesellschaft gibt es beim DFB auch keine Aktionen mehr, wie die „Wir sind Deutschland“-Geschichte, in der auch Nationalspieler mitgemacht haben (zB Gerald Asamoah). Warum gibt es sie eigentlich nicht mehr? Ganz einfach, man hat Angst, durch die Positionierung Leute zu verschrecken.

Hier sind ganz eindringlich Bierhoff und auch Grindel gefragt.
Was will man in Zukunft? Wie sieht sich die Nationalmannschaft in Zukunft? Mit Wischiwaschi kann man vielleicht kurzfristig Erfolg haben, aber man wird austauschbar.
Mit entsprechenden Aktionen hätte man die Möglichkeit klar auszudrücken: Scheißegal, was so manche Idioten sagen, wir stehen hinter euch, wir stehen zu 100% hinter der Mannschaft.
Und man hätte die Möglichkeit klar auszudrücken: Scheißegal, was die Idioten sagen, wir stehen hinter euch, wir stehen zu 100% hinter der Mannschaft. Und dann werden nämlich auch Loddar, Basler und wie die Pseudoexperten alle heißen, ruhig, wenn sie merken, da in Rußland ist eine Einheit

Und hier kommen wir erneut zum HSV: Wofür steht der HSV der Zukunft? Wo will man hin?
Hier könnte man ja aufs Leitbild verweisen. Aber das ist so umfangreich, da ist für jeden was drin, dadurch ist es aber eben wischiwaschi. Hier hat man es versäumt, sich ein Profil zu geben. Bei dem ganzen Socialmedia, HSV-tv, usw. muß man jedoch aufpassen, daß man nicht zu glatt wird, wie ein rundgelutscher Kieselstein, sondern daß man sich die Ecken und Kanten bewahrt, die nötig sind.

Neulich hätte man die Möglichkeit dazu gehabt, als man erst Albin Ekdal, mit seinen Schweden, viel Glück gewünscht hat, dann den Tweet wieder zurückgezogen, weil das ja gegen die deutsche Nationalmannschaft ging. Man hätte zeigen können: Wir sind der HSV, wir stehen hinter unseren Spielern, auch wenn sie gerade mal nicht für uns, sondern für ihr Land spielen.
Aber stattdessen hat man es vorgezogen, mit dem Strom zu schwimmen.

Ein gesundes Selbstbewusstsein täte uns gut. Selbstbewusst und aufrecht sollten wir unseren Weg gehen, gegen all die Leute, die sich von Bild, AB, Mopo und/oder DoPa aufhetzen lassen.
Ich wünsche mir beispielsweise einen Lewis Holtby, der dann eben im Fieldinterview, wie das so schön neudeutsch heißt, auch mal einen raushaut. Spieler, die mal klar Stellung beziehen. Das kann man nämlich auch, ohne Leute anzuprangern.

Uns fehlt in Deutschland und auch beim HSV der Mut zu Ecken und Kanten. Und ein bisschen von dem, was in Bayern das „mia san mia“ ist. „wi sinn wi“ (fb)

Europapokaaaaaaaal

Sorry, ne andere Überschrift fiel mir gerade nicht ein.
Aber ich bin mir sicher, ich hab jetzt eure Aufmerksamkeit.

Normalerweise kommt von mir ja immer eine Saisonrückschau. Nach der Saison fehlte mir die Zeit dazu, jetzt hab ich keinen Bock mehr, nach hinten zu gucken.

Abstieg, 2. Liga.
Ich glaube, so richtig begriffen hab ich es immer noch nicht.
Aber eines weiß ich, ich freu mich auf die neue Saison, wie schon lange nicht mehr.

Das hat allerdings weniger mit dem Abstieg zu tun, sondern eher damit, daß beim HSV seit der Wahl von Bernd Hoffmann sehr viel richtig gemacht wird.
Den Abstieg konnte er nicht mehr verhindern, aber er hat die Weichen stellen können, damit wir quasi in der schwärzesten Stunde des Vereins optimistisch und voller Vorfreude nach vorne schauen können.
Die Spitze des Vereins ist neu geordnet worden. Bernd Hoffmann ist Interimsvorstandsvorsitzender.
Ob er den Job demnächst wieder abgibt oder irgendwann zum regulären VV wird, muß man sehen.
Die Hauptsache ist, es wird dort wieder anständig gehandelt.
Mit Ralf Becker haben wir zudem einen neuen Sportvorstand.
Und allen Unkenrufen zum Trotz: Bernhard Peters ist noch da und leitet wie zuvor die Ausbildung der Jugend.
Alle drei sind sich ähnlicher, als man auf den ersten Blick meinen könnte.
Sie sind zielstrebig, konsequent, klar in ihren Entscheidungen, leistungsorientiert und alle sind bereit, Entscheidungen ohne langes Zögern auch zu treffen.
Das wird unweigerlich zu Reibungen führen.
Aber das sollte uns keine Sorgen bereiten, denn diese Reibungen führen dazu, daß bessere Entscheidungen getroffen werden. Alle drei werden diese tolerieren, weil sie wissen, daß nur so Topleistungen erzielt werden können. Und darauf kommt es ihnen an.

Der HSV macht im Moment vieles richtig. Nicht alles, wie man zB am Trainingslager sehen konnte, aber doch sehr viel.
Das gefällt mir, das gefällt aber auch den anderen Fans. Das Ergebnis ist eine Euphorie, wie wir sie lange nicht mehr hatten.
Wir HSVer lechzen förmlich nach gutem Fußball.
Seit Titz unser Trainer ist, spielen wir gut. Das heißt nicht, daß wir alles gewinnen, sondern erstmal nur, daß wir gut spielen.

Viele Spieler werden uns verlassen, einige haben verlängert und andere kommen neu zu uns.
Ob Alen Halilovic zurückkehr? Ich denke nicht. Er wird den Verein verlassen, bzw nicht zurückkommen. Christian Titz hat gesagt, er würde es gerne mit ihm mal versuchen, aber der Spieler will nicht. Zwei Anmerkungen dazu: Ich glaube, für Alen wäre es gut könnte er etwas runterfahren, sich etwas erden und dann unter einem Trainer wie Titz mit einem Fußball wie er spielen lässt, ein bisschen von vorne anfangen. Das würde seiner Karriere sicherlich gut tun. So wie es Sandro Wagner auch gut getan hat, als er in Darmstadt war. Der zweite Punkt ist, ich traue ihm diesen Neuanfang nicht zu, ich traue ihm nicht zu, daß er clever genug für einen solchen Schritt ist. Und deshalb bin ich erleichtert, daß er augenscheinlich nicht mehr bei uns spielen möchte.

Es wird seit Jahren immer von Umbruch geschrieben, aber diesmal werden wir wirklich einen Umbruch in der Mannschaft erleben.
Der Charakter der Mannschaft verändert sich. Es bleiben nur Spieler die bereit sind, den Weg mit dem HSV zu gehen.
Spieler wie Hahn, Waldschmidt, Kostic und Ekdal verlassen uns, bzw haben den Verein schon verlassen.
Spieler, die nicht mehr zum Verein passen, wie unser guter alter Dennis Diekmeier oder einige andere müssen gehen.
Faule Äpfel werden aussortiert, Walace zB geht für 6 Mio nach Hannover.
Und dafür kommen neue Spieler dazu.
Ich habe bei der ganzen Geschichte ein sehr gutes Gefühl.
Sakai hat am letzten Spieltag bereits bekundet, daß er bleibt. Holtby und Hunt bleiben auch.
Ich bin mir sicher, gerade die beiden letztgenannten könnten woanders mehr verdienen.
Damit entsteht ein Novum, das wir beim HSV bisher nicht kennen: Die Spieler bleiben, weil wir der HSV sind und nicht, weil wir am meisten zahlen.
Die Identifikation ist größer als in den letzten 10 Jahren.
Und die Jungs scheinen gut zusammenzupassen.
Schau ich mir die Trainingseinheiten, das Auftreten der Mannschaft an, dann sehe ich ein Team, das Lust hat zu spielen.
Es ist nicht der Job, der notwendigerweise gemacht werden muß, sondern sie haben Spaß.
Sie freuen sich, daß es wieder losgeht.
Die Körpersprache ist anders, sie haben Lust, mit dem Ball was zu machen.
Alle sind fit aus dem Urlaub zurückgekommen (ausser Janjicic).

Der Kader scheint mir auch sonst gut zusammengestellt.
Wir haben eine Achse von Spielern, die die Führung übernehmen werden. Wer das ist, das kann man jetzt schon feststellen: Pollersbeck, Gideon Jung, Go Sakai, Christoph Moritz, Lewis Holtby und Aaron Hunt.
An diesen Spielern werden sich die anderen orientieren können, sie werden der Anker in unserer Mannschaft sein, an ihnen können die jungen Spieler wachsen.
Viele Fans haben die Vertragsverlängerungen von Holtby, Hunt und Sakai kritisiert. Mit den Absteigern, die sich über Jahre die Taschen vollgemacht haben, sollte man nicht verlängern. Ich freue mich. Sie haben Qualität, sie sind hochmotiviert und sie sind erfahren.
Nur mit jungen Spielern würde man Schiffbruch erleiden.

Hinten im Tor ist Pollersbeck die unumstrittene Nr.1.
Er genießt das volle Vertrauen von Titz, das kann man ruhig wörtlich nehmen.
Und „Libero“ Julian, der von hinten das Spiel mit aufbaut, zahlt das mit Leistung zurück.
Mit Mickel und Behrens haben wir auf dieser Position anständigen Ersatz.

In der Abwehrreihe spielen wir mit Santos, van Drongelen, Jung und Sakai.
Mit 23 Jahren recht jung und trotzdem qualitativ nicht schlecht.
Dazu Vagnoman, Bates, Ambrosius und Knost.
Auf der einen 6, mit der wir spielen, haben wir Steinmann, Moritz und Janjicic (wenn er sich zusammenreißt).
Vorne im Zentrum stehen Holtby, Hunt, Ferati und Kwarteng.
Außen spielen wir mit Ito, Jatta, Narey (den wir heute aus Fürth verpflichtet haben) und Drawz.
Vorne in der Mitte finden wir wohl Lasogga, Arp und Wintzheimer.
Die beiden letzteren scheinen sich gut zu verstehen.
Zumindest ist das mein Eindruck.
Unterm Strich ist das ein anständiger Zweitligakader. Trotzdem denke ich, wird man versuchen, ihn hier und da noch zu verbessern.
Außerdem ist der Kader mit 25 Spielern bisher etwas dünn besetzt. Aber weitere Spieler werden erst gekauft, wenn wir auch wieder Einnahmen aus Verkäufen haben.

Mit Kostic, Ekdal, Papadoupolos und Wood haben wir noch 4 Spieler, die ein bisschen Geld in die Kasse spülen könnten.
Ich schätze die Einnahmen auf ca 15 Mio, wovon die Hälfte wohl wieder reinvestiert werden würde.
Auch wird man versuchen, ein passendes Leihgeschäft zu tätigen. Ich bin also durchaus optimistisch.
Der Wiederaufstieg ist möglich und sollte auch anvisiert werden
Köln ist der klare Favorit, dann kommen wir, dann kommt der Rest der Liga. Zumindest nach der Kostenlage auf dem Papier.
Und so sollten wir am Ende auch ins Ziel rollen.
Einige meinten, wir sollten der Mannschaft den Druck des Wiederaufstiegs nicht aufbürden.
Dazu möchte ich ein paar Worte sagen: Druck ist an sich nichts Schlimmes.
Er trägt dazu bei, daß wir Höchstleistung bringen.
Wir betreiben Leistungssport, da kommt man nicht ohne Druck aus.
Andere Mannschaften haben auch Druck.
Sei es der Abstiegskampf, der Aufstieg, der Kampf ums internationale Geschäft usw., usw.
Man kommt im Fußball nicht ohne Druck aus.
Wichtig ist, daß man sich die richtigen Ziele setzt.
Jarchows Platz 6 war wahnwitzig. Ein sofortiger Wiederaufstieg ist es dagegen nicht. Die Mannschaft dafür haben wir. Das Ziel zu erreichen wird jedoch nicht einfach.
Die gesamte Liga wird uns jagen. Je stärker der Gegner, desto süßer der Sieg.

Dann muß man sich auch erst an die Spielweise in der 2. Liga gewöhnen. Auch das wird nicht einfach. Aber einfach kann jeder.
Am Freitag wird der Spielplan präsentiert. Ich bin gespannt, wer die ersten Gegner sind. Mir ist es relativ egal, viele andere haben schon ihre speziellen Wünsche. Ich wünsche mir eigentlich nur, daß es bald wieder losgeht.
Nur der HSV (fb)

P.S.:Kühne. Tja, was soll man sagen? Eigentlich nichts. Es langweilt inzwischen. Also belassen wir es dabei.

Mediales Mobbing

Er ist kaum eine Woche im Amt und schon sorgt er für die meisten Schlagzeilen in den Medien.
Ralf Becker, frisch gekürter Sportdirektor beim HSV und gemeinsam mit Bernd Hoffmann und Frank Wettstein der komplettierte Vorstand in der AG des Vereins.

Während der vergangenen Tage gab er Interviews, die für viel Beachtung in den Zeitungen der gesamten Republik sorgten. Viele von diesen Blättern übernahmen ungefiltert Zitate, fügten Vermutungen hinzu und dichteten gar Untertöne ein, die sie meinten, rausgehört zu haben.
„Das kann man als Seitenhieb auf Bernhard Peters verstehen. Denn der vornehmlich für den Nachwuchsbereich zuständige Direktor Sport hat beim HSV Trainer wie Joe Zinnbauer und auch Titz gecoacht“, lautete beispielsweise eine Formulierung, die es auf zig Seiten on-und offline zu lesen gab.
Dabei hatte Becker „nur“ bestätigt, der wichtigste Mann im operativen Bereich sei für ihn Trainer Christian Titz.
„Ihm gilt meine komplette Unterstützung. Ich bin an seiner Seite, wenn er mich braucht. Ich bin aber nicht der, der ihm erklärt, wie er seine Dinge machen muss.“
Punkt.
Wer darin einen Seitenhieb zu lesen vermag hat für mich nur eines im Sinn: den HSV bloß nicht zur Ruhe kommen lassen. Zoff in der Führungsetage, in den vergangenen Jahren ja nichts Ungewöhnliches, kommt ja auch viel besser, als ein sachliches, zielorientiertes Zusammenwirken aller Beteiligten, das so gar nicht berichtenswert erscheint. Zu eben dieser hatte übrigens gerade Frank Wettstein alle Beteiligten, über die offiziellen Kanäle des HSV, aufgefordert.

Bernhard Peters und Ralf Becker sind beide erwachsene Menschen. Mit genügend Intelligenz und dem Willen, eventuell bestehende Probleme aufzuarbeiten, würde im Sinne aller gehandelt werden. Soviel sollte man ihnen zumindest zutrauen.
Doch das, was gerade medial abläuft, grenzt fast an Mobbing. Mobbing sowohl gegen Peters als auch gegen Becker.

Becker wird zum harten, herzlosen „Hund“ hochstilisiert, der sowohl das Büro seines „Konkurrenten“, als auch seinen Platz in der Kabine und auf der Trainerbank einnehmen will. Peters hingegen wird so lange kleingeschrieben, bis er vielleicht selber nicht mehr in den Spiegel gucken kann und seinen Hut nimmt.

Zum Teil hat er sich sicherlich selber in diese Situation gebracht. Seine Ambitionen auf das Amt des SpoDis, die er in einem Abendblatt-Interview erkennen ließ, gehörten einfach nicht in die Öffentlichkeit. Mit einem intern geführten Gespräch hätte sich dieses unschöne Gebashe, das nun entbrannt ist, vermeiden lassen und den Druck auf den HSV UND Peters gar nicht erst in Gang gesetzt.

Fakt 1 ist: wir alle wissen nicht, was genau intern gelaufen ist.
Fakt 2 ist: Peters besitzt einen gültigen Arbeitsvertrag, in dem seine Aufgaben detailliert beschrieben sein dürften. Werden diese beschnitten, hat er das gute Recht, darauf zu bestehen. Sind sie es nicht, sollte er in seinen alten Job, in dem er durchaus gute Arbeit geleistet hat, zurückkehren und das tun, wofür er bezahlt wird.
Erfolge sind das, was am schnellsten Gras über diese mediale Posse wachsen lässt und so manchem Reporter die Tinte schnell vom Füller nehmen dürfte.
Dass dafür allerdings erst die neue Saison angepfiffen werden muss, ist wohl auch jedem klar.

Im Übrigen haben wir beim HSV für meine Begriffe gerade ganz andere Probleme. Wir bereiten uns auf eine Saison vor, die für alle Neuland ist.
Und bin ich durchaus Willens, dem bestehenden Team Vertrauen auszusprechen, so ist mir doch eine Aussage unseres neuen SpoDis aufgestoßen:
„Wir wollen eine Struktur schaffen, in der die Richtung klar ist und das Ergebnis am besten im nächsten Sommer eintritt. Wir wollen das aber nicht mit Arroganz angehen, sondern mit Demut. Wir wollen bescheiden sein und vor allem arbeiten.“ (BILD)

Lieber Herr Becker. Weder mit Arroganz NOCH mit Demut gewinnt man Spiele. Wie lange sich der HSV schon in Demut begeben soll? Ich habe die Jahre nicht gezählt.
Ich mag es nicht mehr hören.
Viel mehr erwarten doch wohl alle eine schlagkräftige Mannschaft, die weiß was sie will, bissig auf den Platz geht und die verinnerlicht hat, dass sie allerorten als Favorit gesehen wird, den es zu schlagen gilt.
Weder gegen Aue, noch gegen Sandhausen, Köln oder Kiel wird Demut helfen.
Viel mehr werden Respekt vor jedem Gegner, Konzentration, Einsatz, Spieltaktik sowie Kampfgeist gefordert sein! Und eine Prise Bodenständigkeit, die es gilt, nicht nur auf der finanziellen Ebene wiederzuerlangen.
In diesem Sinne: herzlich willkommen Herr Becker und allzeit ein glückliches Händchen. Gegner überzeugt man am besten mit Leistung. Aber, wem sage ich das…
(mg)