Mit Titz und Trotz

Da wir gerade beim Brechen von Traditionen sind, ich habe heute weder den DoPa noch Herrn Wontorra in mein Wohnzimmer gelassen.
Auf all die Phrasen, Abgesänge und Schmähgesänge von Strunz, Bild und Co konnte ich gut verzichten. Sie alle konnten den Rest des noch übriggebliebenen Schmodders, der in den letzten Wochen über dem HSV ausgekübelt wurde bestimmt auch gut ohne mich verbreiten.
Es wird sowieso niemand nachvollziehen können, wie es im tiefsten Herzen eines Vollblut-HSV-Fans heute aussieht.

Ich will mal versuchen zu beschreiben, wie es in mir aussieht. Vielleicht findet sich ja der ein oder andere darin wieder.

Also, so wirklich realisiert habe ich den Abstieg noch nicht.
Es versucht immer noch der Bauch über den Kopf zu siegen. Und während der Bauch voll ist mit einer großen Portion Trauer und der unbeantworteten Frage, wann wir denn nun samstags einkaufen gehen wollen, wenn um 13 Uhr schon der HSV spielt und wo ich auf der Karte denn all die Sandhausens und Aues finde, schleicht sich im Kopf ein neues Gefühl ein: Trotz.
Sollen sie sich doch alle hämisch die Hände reiben und über uns grinsen.
Sollen sie doch ihre Liga „endlich“ ohne den HSV feiern und dabei feststellen, dass sie eben nicht mehr das ist, was sie mal war.
Eigentlich sind die, die heute feixen doch alle nur armselig. Denn auch wenn ich wohl niemals Bremen- oder Pauli-Fan werde, den Abstieg wünsche ich keinem Fan, der mit jeder Faser seines Körpers zu seinem Verein steht. Schon gar nicht mit derartiger Wortwahl, die in der letzten Zeit immer mal wieder zu lesen war und die jedwelche Intelligenz ihrer Nutzer zumindest in Frage stellen.

Und jetzt mal ganz im Ernst, liebe Leute, eigentlich hatten wir ja lange genug Zeit, um uns auf den Fall der Fälle vorzubereiten.
Seit dem 17. Spieltag (an dem wir übrigens mit 3:1 in Gladbach verloren) gurken wir dort unten rum und der Abstand zum rettenden Ufer wurde immer beängstigender.
Nach 13 Spielen ohne Sieg waren es sieben Punkte bis zum Relegationsplatz.

Und dann kam er. Christian Titz. Als ich innerlich bereits begann, mich mit dem Wort Abstieg zu befassen. Acht Spieltage vor dem Saisonende stellte der AR, unter dem Vorsitz von Bernd Hoffmann, mit nun Alleinvorstand Frank Wettstein die komplette Führungsriege auf den Kopf. Und Titz, vormals Trainer der U21, die gesamte Mannschaft.

Plötzlich wurde wieder Fußball gespielt. Nicht nur im Volkspark, sondern auch auswärts. So manch einer rieb sich verwundert die Augen. Selbst gestern jubelte Sky-Moderator Kai Dittmann „so spielt kein Absteiger“ in sein Mikro.
Es startete eine Aufholjagd, die gestern mit einem Sieg gegen die Fohlen, leider nicht mit dem doch noch verdienten Klassenerhalt belohnt wurde. That´s life, wenn du noch von anderen Ergebnissen abhängig bist.
Ich schrieb es ja bereits in der vergangenen Woche, dass ich annehme, dass Wolfsburg die letzten Reserven mobilisieren wird. Und auch eine Niederlagenserie unter Bruno Labbadia musste ja einmal ein Ende haben.

Aber ehrlich, wir können hoch erhobenen Hauptes in die 2. Liga gehen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.
Leider war es trotzdem zu spät.

Mit Recht ist Titz stolz auf seine Jung. Denn wieder einmal liest sich die Spielstatistik erstaunlich gut.
Mit einer Fehlpassquote von unter 14 Prozent sowie ausgeglichenem Ballbesitz und Zweikampfquote kann man sich durchaus sehen lassen. 17 mal wurde aufs Tor geschossen. 8 mal versuchten es die Gladbacher.
Duracellhäschen Holtby krönte seine 13 Kilometer Rasenlaufstrecke mit einem schönen Tor und Wirbelwind Ito hatte nicht nur die meisten Sprints und „Intensivläufe“, er darf sich auch den Scorrerpunkt zum 2:1 ins Fleißbüchlein schreiben.
Wunderbar die Atmosphäre im Volkspark, als die Gladbacher Abgesänge mit einem Chor aus mehreren zehntausend Kehlen und „Mein Hamburg lieb ich sehr“ übertönt wurden.

Hätte, wäre, wenn…
…unter anderen Umständen hätte es erneut Spaß gemacht, dieser Mannschaft zuzugucken.
Umso mehr haben mich die Tränen von Ito, Sakai, Arp und auch Steinmann berührt, als sie unter dem Applaus ihrer Fans in die Kurve gingen.

Und genau aus diesem Grund bin ich es auch. Stolz auf das, was die Jungs unter Titz in den letzten Wochen erreicht haben.
Unter all den Vorzeichen die wir nun bereits vorfinden bin ich wirklich gespannt darauf, wie und mit wem sich der HSV im Unterhaus der Liga verkaufen wird.
Es wird mit Sicherheit noch ein paar schmerzliche Abgänge geben (Santos wird einer davon sein. Was der inzwischen zur Stabilität in der Defensive und auch nach vorne zum Spiel beiträgt, ist mehr als lobenswert.)
Auch einen Holtby wird man nicht halten können. Schon allein aus finanziellen Gründen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist das auch gut so.
Es muss an allen Stellschrauben gedreht werden. Und dazu zählt auch die der Großverdiener mit großen Namen. Interessant wird sein, was in diesem Zusammenhang aus Lasogga wird.
Und dann ist da ja auch noch ein Halilovic, der in den nächsten Wochen auf seinen gepackten Koffern vor der Kabinentür sitzen wird.
Vielleicht, ja vielleicht, kann ein Christian Titz ihm ja Leben einhauchen…

Jawohl, liebe Leute! Ich bin stolz darauf, ein HSV-Fan zu sein. Ein bekloppter HSV-Fan, der wieder an einen Neuanfang glaubt. Der daran glaubt, dass auch „dort oben“ endlich der Groschen gefallen ist und wir uns endlich mal wieder auf eine gute Saison freuen dürfen, die bereits am 3. August beginnt.

Bis dahin versuche ich ganz langsam mich auf die bevorstehende WM freuen zu können und bis dahin wird ganz sicher auch die Frage mit dem samstäglichen Einkauf gelöst sein 😉

In diesem Sinn: macht euch einen sonnigen Sonntag und beschenkt doch mal eure Mütter einfach nur mit eurer Anwesenheit.
(mg)

P.S.: eines wollte ich nicht vergessen: ein ganz großes Dankeschön geht an dieser Stelle an den Schiedsrichter der Partie, Felix Zwayer.
Seine Entscheidung, das Spiel nicht abzubrechen (und damit verloren zu werten), sondern mit einem Schiedsrichterball zu beenden ist aller Ehren wert!
Im Gegensatz zu der Aktion, durch die diese Entscheidung erst notwendig geworden ist, die aber nicht ein Wort mehr verdient hat.