Ja, nein, vielleicht

Altaaa! Was hat er abgeledert, vorgestern bei Eurosport, der Matthias Sammer! Der HSV habe sich wie eine Jugendmannschaft benommen, solle den Ball doch an den Platzwart geben, wenn man nicht damit spielen wolle und Mathenia müsse der rechte Fuß doch schon weh tun, vom vielen Ball-nach-vorne-dreschen (wo er dann meist einen Freiburger traf…)

Die HSV-Gemeinde ist empört.
Alle? Nein. Einige hatten kurzfristig die hanseatische Brille weggelegt und fanden viel Wahres an den Worten des „Mal-fast-beinahe-SpoDis“ des Bundesliga Dinos.
Sie ist halt gespalten, die Fan-Seele.
In die „find ich alles nicht so schlimm“-Gemeinde und die, die sich nach einem ordentlichen Spiel gegen Hoffenheim einfach mehr erwartet hätte als die magere Kost, die am Freitag geboten wurde.

Doch fangen wir vorne an.
Oder nein, vielleicht eher hinten oder mitten drin.
Denn schon lange vor dem Abpfiff konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als habe Gisdol am Freitag, eine eindeutige Unentschieden-Devise ausgegeben.
Sinngemäß sah das dann so aus, dass der Trainer vor den Mikros irgendwie erleichtert wirkte: „besser ein Punkt mit einem nicht so ansehnlichen Spiel, als schön spielen und ohne Punkte nach Hause fahren“. Noch ein Beweis gefällig? Gisdol weiter: „Wir hatten uns im Vorfeld vorgenommen, alles reinzuhauen, um zu Null zu spielen.“

Diekmeier und auch Papadopoulus schlugen thematisch in dieselbe Kerbe.

JA.
Natürlich ist es besser, mit einem Unentschieden vom Platz zu gehen, als erneut auf dem so ungeliebten Relegationsplatz zu landen.
NEIN,
spielerisch war da gestern wirklich nicht mehr drin. Vergeblich suchte man nach Spielfluss, Kreativität und einer Idee, das Bollwerk der Freiburger zu durchbrechen.
Besonders schlimm war das auf der rechten Seite zu sehen, von der so gut wie keine Torgefährlichkeit ausging. Diekmeier zog sich oft nach hinten zurück und Hunt hatte genug damit zu tun, den Rasen im (mal wieder nicht vorhandenen) Mittelfeld wenigstens ein wenig platt zu laufen.
VIELLEICHT
hätte Gisdol das spätestens zur Pause auch sehen müssen und Ito gegen Wood (der gestern leider erneut blass blieb) tauschen sollen, um neuen Schwung zu bringen.

Am Anfang der Partie war zunächst mal ein gegenseitiges Abtasten zu spüren. Wie viel würde gehen, in Freiburg? Wie früh fangen sie an, das Aufbauspiel zu stören, wie sehr mauern sie sich ein, in der eigenen Hälfte.
Und während den Hamburgern die ersten Minuten gehörten, schnappten sich die Gastgeber die zweite Viertelstunde.
Sechs zu sechs lautet die Eckenbilanz, in den ersten 15 Minuten, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.
Die Halbzeit plätscherte dahin. Jeder war bemüht, keine Fehler zu machen und lieber auf die der anderen zu warten. Hunt wirkte, im Gegensatz zu letzter Woche müde. Von Wood war nichts zu sehen und auch Fiete Arp wartete ein ums andere Mal darauf, mit Pässen gefüttert zu werden. Kostic blieb farblos und Sakai… ich mag ihn wirklich gerne. Aber was da an Fehlpässen fabriziert wurde, tat manchmal wirklich weh! Santos spielte erneut souverän, leistete eine bemerkenswerte Abwehrarbeit und versuchte ab und an auch mal einen zaghaften Ausflug nach vorne.
Hätten wir den Papa, mit seinen sowohl sehenswerten als auch effektiven Grätschen nicht, wer weiß, ob es torlos in die Kabine gegangen wäre.

JA.
Das Unentschieden ging zum Halbzeitpfiff durchaus in Ordnung.
NEIN.
Als Hamburger hatte man die Hoffnung, dass Gisdol in der Pause die richtigen Worte findet noch nicht aufgegeben. Schließlich hatte man ja noch genau vor Augen, dass die Mannschaft durchaus besseren Fußball spielen und auch das Mittelfeld mit dem Spielgerät inzwischen kreativer umgehen kann.
Wie gut, dass die Freiburger sich im Abschluss genauso schwer taten, wie die Rothosen.
VIELLEICHT
war da Hoffnung, dass beide Mannschaften es begriffen hatten, dass ein Punkt nicht so wirklich viel hilft, um aus dem Tabellenkeller eine Stufe weiter nach oben zu klettern.

In der 53. Minute, Glück für die Gäste. Der von Ravet ausgelöste Torjubel wurde allerdings vom Schiri (mit Recht) als Abseitstor zurückgepfiffen.
Anschließend war es fast ein Spiel auf nur noch ein Tor. Die Augsburger drängten auf den Siegtreffer. Nachdem zwei, drei gefährliche Chancen gerade noch abgewendet wurden, wechselte Gisdol.
Doch was war das? Als HSVer rieb man sich einigermaßen verdutzt die Augen.
Hunt ging und Wallace kam?
Spätestens jetzt dürfte die ausgegebene Devise jedem klar gewesen sein.
Der positionsgetreue Wechsel von Wood gegen Hahn, in der 87. Minute sollte dann wohl nur noch ein paar Sekunden mehr von der Uhr nehmen.
Und „Saufen bis der Schipplock trifft“ geht weiter. Denn in der 92. Minute, als ein sichtlich enttäuschter Fiete Arp auf die Bank musste, war auch Sven wohl nur noch ein Körnchen in Gisdols Sanduhr.

JA,
die kämpferische Einstellung war auch Freitag erkennbar. Man hat sich halt mit Mann und Maus nach hinten orientiert. Damit ging das Mittelfeld und die Torgefahr flöten.
Mit einer Laufleistung von 113 Kilometern war man auch nicht faul. Man war halt nur nicht effektiv, was das Erreichen des gegnerischen Strafraumes und den Torabschluss anging.
NEIN.
Mit einer Passquote von 61 Prozent KANN man nicht zufrieden sein. Von 320 gespielten kamen gerade mal 196 an! Das ist indiskutabel. 21 Torschüsse der Freiburger stehen neun von unserer Mannschaft entgegen.
VIELLEICHT
Wird dieser Punkt am Ende ja noch ganz wichtig. Vielleicht geht dieses Spiel aber auch als vertane Chance in die Annalen ein.

„Wir spielen inzwischen einfachen Fußball“, sagte Sakai im Anschluss an das Spiel. Den Vergleich mit den Bayern zu kommentieren erspare ich mir an dieser Stelle mal. Denn bekanntlich liegt zwischen Schwarz und Weiß immer noch eine Menge Grau. Und wenn das letzte Woche auch einfacher Fußball war, dann nehme ich doch lieber den von letzter Woche nächste Woche nochmal!
(mg)