Unsere „kleinen Großen“: Fluch oder Segen?

Zwei Monate ohne Sieg. 7 Punkte aus zehn Spieltagen. Die Medien sägen am Stuhl von Markus Gisdol. Aus dem Verein heraus wird Ruhe suggeriert. Trotz allem wusste man: das Team war gestern zum Siegen verdammt, um dem Trainer eben diesen wackelnden Stuhl zu erhalten.

Sei es nun der Druck von außen oder die von Gisdol angedrohten strengeren Zügel, die Startaufstellung ließ beide Vermutungen zu.

 

So fand sich ein Lewis Holtby plötzlich auf der Tribüne, Bobby Wood auf der Bank wieder, während Jann-Fiete Arp und Tatsuya Ito in der Startelf standen.

Mit viel Feuer großem Willen auf beiden Seiten, wirkte das Spiel von Anfang an oft hektisch und vor allem kräftezehrend. Chancen gab es auf beiden Seiten. Leider fehlte es bei den Hamburgern zunächst erneut an Glück beim Abschluss.

 

Der erste Aufreger des Spiels: die Gelb-Rote Karte für Dženis Burnić. Der hatte erst kurz zuvor Gelb gesehen und legte sich nun mit Hunt an, der stolpert und fiel.  Die Geister scheiden sich noch heute: Foul oder nicht? Kann oder muss?

Ich gebe ehrlich zu, es hätte nicht unbedingt eine Gelbe sein müssen. Aber im Zuge der ausgleichenden Gerechtigkeit, die es ja bekannter Weise in jeder Saison gibt (geben MUSS), hatte ich in dem Moment kein Mitleid mit den Stuttgartern, die ab der 13. Minute in Unterzahl spielen sollten.

Im Übrigen weiß man in Hamburg ja aus leidvoller Erfahrung, dass man sich auch gegen Teams mit einem Mann weniger, nicht sonderlich viel leichter tut.

 

In der 20. Minute gab Zieler den Rothosen Schützenhilfe. Mit dem Knie lenkte er einen (gut) geschossenen Freistoß von Hunt ins eigene Tor.

 

Durch Ito und Arp kam gefühlt die doppelte Kreativität ins Spiel. Der wendige Japaner machte auf seiner rechten Seite mächtig Wirbel und Arp begeisterte mit überlegten Pässen und einigen guten Szenen im Stuttgarter 16er.

Dass Diekmeier, in der 28. Minute das 2:0 auf dem Fuß hatte… der Mantel des Schweigens hüllt die 100prozentige Chance kuschelig ein.

Dafür machte er das Geschenk der Gäste in der 55. Minute wieder wett. Der Videoschiri griff ein, hatte im 16er Hand von Dennis gesehen. Der anschließende Elfmeter brachte das 1:1.

 

Diekmeier die 3.: nach einem Pass von Ito auf Hunt, der, gefühlvoll geschossen zu Diekmeier fand, landete eine Flanke sauber auf Kostic. Der ließ sich nicht lange bitten und köpfte zum 2:1. Jubel im Volkspark und immerhin ein Scorrerpunkt für unseren rekordtorlosen Rechtsaussen..

Auch in der 69. Minute war Diekmeier beteiligt, als zum zweiten Mal in der Bundesliga die Stunde von Jann-Fiete Arp schlug. Er tanzte Pavard und Baumgartl, nach einem Zuspiel von Dennis  aus und schob aus 13 Metern den Ball ins linke Eck.

Sieg für Hamburg, 3 Punkte für Gisdol. Ein Trainerstuhlbein der bereits drei abgesägten, dürfte wieder dran sein.

 

Jann-Fiete Arp, Tatsuya Ito. Hoffnungsträger oder von Gisdol aus der Not heraus geboren? Segen oder Fluch für die beiden, die plötzlich von überall mit Lob überschüttet werden? Brechen sie unter den entstehenden Erwartungen ein oder trumpfen sie auf?

Ich persönlich denke, dass viel am persönlichen Umfeld liegen wird und natürlich am Charakter der zwei Youngsters selber, sich nicht von Beratern bequatschen und vom großen Geld zu früh verführen zu lassen.

Todt und Gisdol setzen dabei auf ein funktionierendes Team, das für Sicherheit und Bodenhaftung sorgen soll.

Wo der Weg hingeht, das weiß sicherlich nur der Fußballgott allein. Denn auch wenn sich „Uns Uwe“ mal wieder sorgt, man könne „seinen Fiete“ verheizen, gibt es für beide Möglichkeiten prominente Beispiele.

 

So debütierte auch ein Julian Draxler, im Januar 2011, mit 17 Jahren, bei Schalke (übrigens gegen den HSV). Er ist heute Kapitän der U21 und spielt, wenn er nicht gerade für Paris Saint-German aufläuft, auch unter Jogi Löw in der Nationalmannschaft.

 

Leroy Sané erhielt im Alter von 19 seinen ersten Profivertrag, bei Schalke, debütierte in der Liga aber bereits 2014 (aufgrund von Verletzungssorgen im Kader, kommt euch das bekannt vor ;-)), gegen, na, gegen wen? Genau, gegen Stuttgart. Heute, das ist bekannt, kickt er erfolgreich bei Manchester City und dürfte, ebenso wie Draxler, wohl zum WM-Aufgebot von Löw, im kommenden Jahr, zählen.

 

Und dann hätten wir da noch Marco Marin, der mit 18 Jahren, im Kader von Mönchengladbach, damals 2. Liga, debütieren durfte. In der Saison 2009/10 zählte er dann bereits zum Stamm der Bremer Weserelf. Von dort zog es ihn, bereits drei Jahre später auf die Insel, wo von Chelsea aus eine wahre Leihodyssee für den in Jugoslawien geborenen Marin begann. Er kennt, mit jetzt 28 Jahren, schon Fußballplätze in halb Europa. Unter anderem kickte er für Florenz, für Anderlecht und Trabzonspor, bevor er bei Oympus Piräus strandete. Nach der WM 2008, im deutschen Nationaltrikot, wurde es auch in der Natio still um den kleinen Flitzer. „Ja, ich könnte mir eine Rückkehr vorstellen und würde sicher vielen Vereinen mit meiner Spielweise helfen können“, so wurde der Linksaußen jüngst in der „Sport Bild“ zitiert.

 

Auch so kann es gehen…

 

Lieber Uwe Seeler. Sorge dich (mal) nicht. Ich habe das Gefühl, Arp, Knöll, Ito, Janjijic und wie unsere „kleinen Großen“ alle heißen, sind bei Markus Gisdol und auch den alten Hasen, rund um Papa Papa in guten Händen. Man merkt ihnen die Freude am Fußball an, man genießt die Sorglosigkeit, mit der sie den Ball verarbeiten, freut sich an ihren Ideen, die sie auf den Platz bringen und darüber, dass ihre Einsätze dafür sorgen, dass einige der Etablierten sich nicht mehr nur auf ihren gut dotierten Verträgen ausruhen können. Vielleicht ist das für sie eine schöne Art des Weckdienstes.

In dem Sinne: weiter so!

Kurz über die 3 Punkte freuen, trainieren, trainieren, trainieren und nach der (doofen) Länderspielpause den Schwung aus dem Stuttgart-Spiel mitnehmen, nach Schalke!

(mg)