Wenn nicht jetzt, wann dann? Haben Sie mehr Mut, Herr Gisdol!

Es ist undankbar, einen Blog über die Niederlage in Leverkusen zu schreiben, wenn man persönlich merkbar angezählt ist.

Angezählt von diversen Abstiegskämpfen der vergangenen Jahre.

Angezählt von Emotionen, wenn es um die Art und Weise geht, WIE man Spiel um Spiel verliert und mal wieder auf die Tabelle schaut, auf der der HSV Stück für Stück erneut in Regionen rutscht, die ihm so wohlbekannt sein dürften.

Angezählt von den immer und immer wieder gleichlautenden Aussagen von Spielern und Management, die da was von „wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen“ oder „wir haben mit unseren Fehlern dem Gegner die Tore ermöglicht“ erzählen.

 

Wenn ich dann noch Aussagen im Netz lese, die Verbesserungen gesehen haben wollen dann frage ich mich: wie muss man spielen, um schlecht zu spielen?

 

Ja, wir haben mit Verletzten zu kämpfen. Allerdings haben das andere Vereine auch. Und selbst Jens Todt spulte in den vergangenen Wochen mantraartig „das darf kein Grund für unsere Leistung sein“ runter.

Hinzu kommt, dass es ja, wenn wir ehrlich sind, eigentlich „nur“ zwei Stammkräfte sind, die zurzeit nicht auflaufen können.

Kostic und Müller fehlen, als unsere effektive Flügelzange.

Jedoch macht ein Kostic allein, das hat das Spiel gegen Leipzig gezeigt, auch längst noch keinen Sommer und ein van Drongelen ist für mich nach zweieinhalb Spielen noch keine Stammkraft.

Aaron Hunt als solche zu bezeichnen… naja. Mal mehr, mal weniger. Ich halte ihn zudem noch immer für zu langsam, im geplant schnellen Umschaltspiel, das Markus Gisdol gerne sehen würde.

Schade ist, dass Ekdal erneut verletzt ist. Er war, gemeinsam mit Walace gerade dabei, sich einzugrooven.

Und obwohl Gideon Jung gestern für mich, ein gutes Spiel gemacht hat, (ja, ja, beim 1:0 hat er gepatzt…), darf man nicht vergessen, dass der Junge, aufgrund eben erwähnter Verletzungen, ständig seine Position wechseln muss.

 

Gisdol läuft, personell gesehen, auf dem Zahnfleisch. Und seine gestrige, ungewöhnlich offensive Aufstellung, in einem 4-3-3 System, verpuffte im Leverkusener Abendrot.

Wood kann man sein Engagement wahrlich nicht absprechen. Aber wenn über die Flügel so gar nichts kommt, dann kann auch der beste Stürmer nicht netzen.

 

12:0 Tore, in den vergangenen vier Spielen. Die Torflaute nimmt Fahrt auf.

André Hahn vergibt eine 100prozentige und auch Salihovic drischt lieber den Ball aus der 2. Reihe aufs Tor, als dass er versucht, vorne eine Anspielstation zu finden.

Die Statistik will 12 Torschüsse der Hanseaten gezählt haben.

Davon habe ich wohl zehn verdrängt.

 

Auch ansonsten haben die Statistiker eine ausgeglichene Bilanz aufgestellt.

Sie zählten 20:18 Freistöße, 51:49 Prozent Ballbesitz, gar eine Passquote von 82 Prozent und 53 Prozent gewonnene Zweikämpfe für den HSV.

Aber, wie sagte es Dietmar Hamann gestern bei Sky so treffend: „dann haben sie die entscheidenden Zweikämpfe, in den jeweiligen 16ern wohl nicht gewonnen.“

 

Für mich fängt das Tordebakel nicht erst am 16er an. Klar, dort sind einige von den Rothosen versemmelten Bälle im Nirwana verschwunden, aber es hapert im Spielaufbau.

Ein Sakai ist noch immer zu viel mit sich selbst beschäftigt, ein Diekmeier ist zwar schnell, aber beim flanken haperte es erneut mit der Genauigkeit.

Im Mittelfeld wurden zwar lustig die Bälle hin-und herverschoben, ging es nach vorne, war das Spielgerät dann allerdings schneller beim Gegner, als man selber gucken konnte.

 

Und hinten stand die Abwehr rund 20 Minuten wie eine Eins. Aber man kann inzwischen Wetten darauf abschließen, wann der erste eindöst und die komplette Viererkette löchrig wird, um als Escorte den Gegner zum Tor zu begleiten. Auch hier lag Hamann richtig, als er mehr Leadership forderte, um die Abwehrkette zu dirigieren.

 

Richtig geärgert habe ich mich über die Situation, kurz vor der Pause. Ein Ball auf unser Tor trudelte in Richtung Seitenlinie. Er war noch nicht im Aus, aber ALLE Hamburger blieben einfach stehen! Ein Leverkusener jachtete hinterher, bekam ihn noch, brachte ihn aber unsauber auf unseren Kasten. Und das bei einem Spielstand von 2:0! Kinners! Das sagt viel über den Willen aus, doch noch was zu drehen!

 

Dann gibt es die Leute, die ständig danach schreien, der Jugend doch mal eine Chance zu geben, Jatta aber, bei seinem 2. Einsatz bereits die Bundesligatauglichkeit absprechen.

Ja, was denn nun?

Ich selber fordere auch immer wieder „Jugend auf den Platz“. Man muss Talente fördern. Stück für Stück. Auch in Hamburg.

Allerdings darf man dann auch nicht vergessen, dass denen die komplette Spielpraxis, unter Matchbedingungen fehlt!

Leider!

Ein Jatta kann seine Schnelligkeit nicht ausspielen, wenn er unsaubere Pässe erst einfangen muss, oder auf engstem Raum keine Unterstützung findet, um sich freizulaufen.

Aber ich hoffe, dass auch Gisdol es bemerkt hat, dass mit der Einwechslung von Jatta und Waldschmidt wesentlich mehr Bewegung auf dem Feld war. Ich hätte auch liebend gerne mehr von Bundesligadebütant Tatsuya Ito gesehen, hoffe, bald Jann-Fiete Arp wieder im Kader zu haben und Janjicic spielen zu sehen.

 

Jetzt wird der ein oder andere wieder sagen, es sei keine Zeit für Experimente. Ich allerdings frage: wenn nicht jetzt, wann dann?

Wann sollen die Jungen in Deutschlands höchster Fußballliga Erfahrungen sammeln, Automatismen üben, Laufwege kennenlernen und Selbstbewusstsein tanken? Immerhin ist die Saison noch jung und nicht hoffnungslos verfahren.

Ich befürchte, dass, wenn die Verletzten alle wieder fit sind, verschwinden die hoffnungsvollen Talente wieder im Kader der U21. Was sehr schade wäre!

 

Apropos Selbstbewusstsein, das hat der Trainer, nach dem gestrigen Spiel übrigens der kompletten Mannschaft abgesprochen. Man sei verunsichert, so Gisdol vor dem Sky-Mikrofon. Es sei an ihm, die Mannschaft jetzt wieder mental aufzubauen. Keine zuversichtliche Aussicht auf das so wichtige Nordderby, am kommenden Samstag!

Markus Gisdol sei hiermit viel Glück dabei gewünscht. Denn ich mag diese „wir waren nicht bei 100 Prozent-Phrasen“ wirklich nicht mehr hören!

Schon gar nicht nach dem Spiel gegen unseren Lieblingsfeind, Werder Bremen!

(mg)