Gastbeitrag von Christian A. Hoch***

Moin, liebe BlogPerlen-Leser. Heute haben wir einen Gastbeitrag von Christian Hoch *** für euch, um die laaaange Sommerpause zu verkürzen. Viel Spaß beim lesen.
 
„Für unsere Bundesliga-Mannschaft fokussieren wir uns auf Spieler zwischen 18 und 23 Jahren, die ihren Leistungshöhepunkt noch vor sich haben und deren Wert während der Vertragslaufzeit zunimmt.“ Dieser so wunderbar klingende Satz ist ein fester Bestandteil im Leitbild des HSV. Die Realisierung dieses so simpel wirkenden Ziels glich beim HSV in der Vergangenheit einer Utopie. Nun aber scheint der Hamburger SV als Verein aus seinen zahlreichen Fehlern gelernt zu haben und kehrt zurück zu einer Vorgehensweise, die dem Verein einst half an Europas Spitze zu gelangen. Im Juli 2005 ging alles ganz schnell – Rafael van der Vaart wurde für rund 5 Millionen Euro von Ajax Amsterdam an die Elbe geholt. Im Januar, beziehungsweise Juli 2006, folgten dann unter anderen noch Nigel de Jong und Vincent Kompany. De Jong kostete schlappe 1,5 Millionen und Kompany stolze 10,5 Millionen Euro. Diese drei Verpflichtungen in der jüngeren Vereinsgeschichte gelten wohl – neben Khalid Boulahrouz und Ivica Olic – als Paradebeispiel für gelungene Transferpolitik. Dietmar Beiersdorfer verstand es in seiner ersten Amtszeit, den guten Draht in die BeNeLux-Länder zu intensivieren und neben zahlreichen Trainern auch hoffnungsvolle Talente nach Hamburg zu holen. Die sogenannte „Holland-Fraktion“ schlug voll ein und Hamburg war für sie Wegbereiter einer steilen Karriere. Nigel de Jong wechselte später für 18 Millionen Euro zu Manchester City, Rafael van der Vaart für 15 Millionen nach Madrid und Vincent Kompany schloß sich Manchester City an und reifte dort zum Weltstar und Kapitän. In dieser Zeit entwickelte sich der Hamburger SV vom Abstiegskandidaten zum Bayern-Jäger Nummer eins. Am Ende der Spielzeit 2005/2006 schaffte man die erste Champions League-Teilnahme seit sechs Jahren. Auch in der Folgezeit waren die Hanseaten, bis zum Jahre 2011 – also fünf Spielzeiten nacheinander – jeweils Teilnehmer im UEFA-Cup bzw. der Europa-League. Im Jahre 2010 platzte gar erst im Halbfinale der Traum vom Heim-Finale im Volkspark. Der HSV war national wie international ein hoch angesehener Verein und für junge Talente eine attraktive Adresse. Den Rest der Geschichte bis zum heutigen Tag kennen alle zur Genüge. Sie muss nicht wiederholt werden. Warum der HSV sich von diesem erfolgreichen Denkmuster löste und viel Kapital in große Namen investierte, bleibt wohl ewig ungeklärt. Die Spätfolgen dieser missratenen Transferpolitik mündeten, zwei Jahre hintereinander, fast im Abstieg des Bundesliga-Dinos. Nun richtet Dietmar Beiersdorfer in seiner zweiten Amtszeit den Blick erneut auf die alte Tugend, junge, hoffnungsvolle Spieler für geringes Geld verpflichten und mit Wertsteigerung verkaufen. Dass das nach Jahren des Misserfolgs und der Misswirtschaft nicht ganz so einfach ist, ist klar. Dennoch schaffte er es, dank gütiger Mithilfe von Klaus-Michael Kühne, Volker Struth und Rainer Calmund. Alen Halilovic wechselte – wie einst Rafael van der Vaart, für 5 Millionen Euro vom FC Barcelona zum HSV, Luca Waldschmidt so wie Arianit Ferati schloßen sich an. Bobby Wood soll für 3,5 Millionen das Sturmzentrum beleben und Christian Mathenia als Nachfolger für Rene Adler aufgebaut werden. Dazu verpflichtete man den Gambia-Flüchtling Bakery Jatta. All diese Namen entsprechen spannenden Projekten und Geschichten, die den Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft erhöhen, die Qualität mittelfristig steigern, die Mannschaft verjüngen, aber auch den Gehaltsetat steigern werden. Der HSV hat, mit nunmehr 29 Kaderspielern, Gehälter in Höhe von ungefähr 50 Millionen Euro zu zahlen. Er greift damit die Top-Platzierten der Bundesliga an, schürt aber auch einen gewissen Erwartungsdruck. Für mich sind diese scheinbar negativen Begleiterscheinungen zwingend notwendig und alternativlos. Um dem Finanz-Chaos zu entfliehen, muss der HSV zwangsweise in das internationale Geschäft, um dort neues Geld zu generieren und zeitgleich mit guten Auftritten neue Spieler anzulocken. Kurzum: Der HSV muss wieder zurück zu internationaler Größe – im sportlichen und finanziellen Sinne. Im Unterschied zur Saison 2014 investiert Beiersdorfer die Millionen nun in frische und hungrige Spieler. In jeder Trainingseinheit sieht man, dass die Jungs richtig Lust auf die neue Spielzeit und den HSV haben. Das erhöht naturgemäß den Druck auf die etablierten Kräfte, die sich ebenfalls weiterentwickeln müssen. So kommt mehr Qualität in die Mannschaft und man verbessert das gesamte Spiel des HSV. Vergleicht man alleine das Training, unter früheren Trainern, so ist eine klare Steigerung zu sehen. Als der HSV und der VFL Wolfsburg unter Bert van Marwijk die Zelte des Trainingslagers in Abu Dhabi nebeneinander aufschlugen, staunte der HSV-Fan nicht schlecht. Im Gegensatz zu den Einheiten des HSV, lebte das Training des VFL von Feuer und Leidenschaft. Die Spieler pushten sich immer wieder gegenseitig und überzeugten durch schnelles Passspiel. Beim HSV trotteten lustlose und zusammen gewürfelte Spieler über den Rasen und wussten eigentlich nicht so recht was sie taten. Doch das hat sich geändert. Mit Bruno Labbadia und seinem Team herrscht aus meiner Sicht eine klare Struktur in der Vorbereitung. Dank all dieser Veränderungen zum Positiven sollte man in dieser Saison zwar noch nicht zwangsweise von einer Teilnahme am Europapokal ausgehen – dennoch verspricht der neue/alte HSV eines: offensiven, schnellen und aggressiven Fußball, der die Massen elektrisieren kann. Wenn dann mal ein Spiel trotz großem Kampf verloren geht, dann verzeiht der Fan den jungen Spielern dies bestimmt. Nur so kann das Team lernen und sich weiterentwickeln. Wenn sich der neue/alte Hamburger Weg wiederholt, gelangt der HSV auch zurück zu alter Stärke!
 
*** Christian ist Chefmoderator beim RBR – RautenBeatz Radio , Freier Mitarbeiter bei Radio Emscher Lippe und Redakteur von Kart-Magazin.de, dazu lebenslanger und leidenschaftlicher HSV-Fan ***